Lange Fassung - Teil 2


In diesem zweiten Teil finden Sie folgende Kapitel:


Pythagoras (~570 bis ~495 v.Chr.)
Zur Aufforderung erkenne dich (gnòthi sautòn)
Evagrius Pontikus (345-399)
Astrologie und Enneagramm




Pythagoras (~570 bis ~495 v.Chr.)


Auf den Seiten zur Wort- und Symbolherkunft erwähnte ich die angeblichen zehn Siegel des Pythagoras. Der Autor Eric Salmon konnte sich nicht mehr an die Quelle seiner 1997/8 veröffentlichten Behauptung erinnern. Die von ihm gegenüber Lendt/ Schwarzlmüller genannte Vermutung, er hätte dies womöglich bei Schuré gefunden, ist falsch. Tatsächlich ist die Behauptung von pythagoreischen Siegeln 1991 bei Oscar Ichazo in seinem Letter to the transpersonal community zu finden (rechts auf "Articles" klicken) - darin spricht Ichazo allerdings nicht von zehn Siegeln, sondern von zwölf Siegeln !! ("The dodecagon is a 'seal' used in the series of twelve ..."). Darin heißt es weiter:
"The enneagram figure, which the Gurdjieffians affirm that I took from their Master, is in fact one of the forms known as 'seals,' which were produced by the Pythagorean school (500 BC), and the Platonic mathematicians (300 BC) who studied the internal relation of numbers with geometrical forms, giving to each number, not only their characteristics, but their internal interrelations."
Dieser Satz stand dort ursprünglich mit dem Wort "enneagon".
Über die Hintergründe für den seltsamen Wechsel von enneagon zu enneagram lesen Sie bei Sterling Doughty, der 1971 in New York an einem dreimonatigen Arica-Training teilnahm - achten Sie auf die "Note" am Ende des Artikels.

Salmon nennt in der Literaturliste seines Buches auch noch das Werk Die Kraft der Mythen von Joseph Campbell. Darin spricht Campbell auf den Seiten 36ff über die zwei Großsiegel auf der Rückseite der Dollarnote (Pyramide und Adler), die Zahl 13 (die damals 13 Staaten bei Gründung der USA 1776 sowie Christus und die zwolf Apostel - "dreizehn als Zahl der Auferstehung und Wiedergeburt und des neuen Lebens"), die Zahl 9 (neun Federn im Schwanz des Adlers - "Neun ist die Zahl des Abstiegs der göttlichen Kraft in die Welt.") und das Siegel Salomos, welches auf der Dollarnote als "dreizehn Sterne in der Form eines Davidsternes" zu sehen ist und das er mit der pythagoreischen Tetraktys in Verbindung bringt ("Das ist ein Dreieck bestehend aus zehn Punkten, ein Punkt in der Mitte und vier Punkte an jeder Seite, so daß sie zusammen neun ergeben: eins, zwei, drei, vier / fünf, sechs, sieben / acht, neun. Das ist das Ursymbol der Pythagoreischen Philosophie, das eine Reihe von untereinander zusammenhängenden mythologischen, kosmologischen, psychologischen und soziologischen Interpretationen zuläßt, von denen eine besagt, daß der Scheitelpunkt das schöpferische Zentrum darstellt, aus dem das Weltall und alle Dinge hervorgegangen sind." [Campbell [1988]/ 1989: 38]) So richtig griffig ist diese Quelle allerdings nicht für Salmons Behauptung von zehn Siegeln des Pythagoras. Belassen wir es also im Ungeklärten und vermuten einen kreativen Akt in Salmons Verstand, der vielleicht durch eine mündliche Nachricht aus Enneagrammkreisen zu Ichazos Aussagen und durch das Lesen des Campbell-Buches inspiriert wurde.

Webb nannte Gurdjieff einen "twentieth century Pythagorean" (Webb 1980: 512) und verwies auf verschiedene Quellen, die (vermutlich) pythagoreisch oder platonisch beeinflusst sind (vgl. ebd.: 502-513). Schauen wir, was sich über Pythagoras Lehre sagen lässt, die aufgrund der Quellensituation ebenso rätselhaft scheint, wie die Lehre von Gurdjieff.

Heute wird anhand von Eudemos Studien zur Mathematikgeschichte davon ausgegangen, dass Euklids viertes Buch, "das sich mit dem Verhältnis von regelmäßigen Vielecken zum Kreis beschäftigt, auf den Pythagoreern fußt (Schol. in Eucl. IV,2), oder, daß die drei regulären Polyeder (Tetraeder, Würfel und Dodekaeder) von den Pythagoreern konstruiert worden sind, der Oktaeder und der Ikosaeder dagegen von Theaitetos (Schol. in Eucl. XIII,1)." (Zhmud 1997: 137, 160; vgl. auch Burkert 1962: 426) Für eine geometrische Symbolsprache bei Pythagoras, die in Richtung der angeblichen Siegel gehen, gibt es keine Hinweise. Die Symbola des Pythagoras sind Sinnsprüche, wie sie auch bei den sogenannten Sieben Weisen zu finden sind, seltsame Ratschläge, "die beinahe hundert Tabus enthalten" (z. B. "Rühr das Feuer nicht mit dem Messer auf" oder "Geh nicht über ein Joch hinweg") oder "Analogien zwischen Zahlen und »Dingen«" (z. B. "Was ist Gerechtigkeit? Die Vier, weil sie Gleiches Gleichem vergilt"). (Zhmud 2005: 147-149) Insgesamt ist zu berücksichtigen, dass Pythagoras "sich überwiegend mit Arithmetik und weniger mit Geometrie beschäftigt hat." (Zhmud 1997: 167 mit Verweis auf zwei Quellen)

Interessant ist an dem Campbell-Text, dass er nicht erwähnt, wie die "dreizehn Sterne in der Form eines Davidsternes" aussehen - es sind dreizehn pentagrammartige Sterne, die zu einem Hexagramm angeordnet sind:



(Quelle)


Wenn Campbell von einem "Ursymbol der Pythagoreischen Philosophie" spricht, hätte ihm das Auffallen müssen. Auch ist seine Erzählung zur Tetraktys interessant - "ein Punkt in der Mitte und vier Punkte an jeder Seite". Diese Erklärung der Tetraktys, die er seinem Interview-Partner Bill Moyers gibt, ist zu verstehen, wenn man das Hexagramm so betrachtet, wie Campbell es in seinem Buch abbildete:





(Campbell [1988]/ 1989: 38)


Bei Betrachtung dieses Bildes drängt sich tatsächlich der Eindruck auf, dass um einen ruhenden Mittelpunkt andere Punkte angeordnet sind. Für Campbell sind es "zwei ineinandergeschobene Dreiecke." (ebd.) Betrachten wir eine einzelne pythagoreische Tetraktys, so ergibt sich folgendes Bild:



Für Burkert ist die Tetraktys der  "Kernpunkt pythagoreischer Weisheit" (Burkert 1962: 63) und laut Campbell ist "die Bedeutung der Pythagoreischen Tetraktys ist seit Jahrhunderten bekannt." (Campbell [1988]/ 1989: 40) Die Weisheit der Tetraktys steht im Zusammenhang mit dem Pythagoras zugeschriebenen Monochord-Experiment, welches belegt, dass "die Höhe des Tons umgekehrt proportional zur Länge der Saite ist" (Zhmud 1997: 183) und womit Pythagoras die "harmonischen Grundkonsonanzen - Quart, Quint, Oktav, Doppeloktav -" (Burkert 1962: 64) erkannte: Quarte (4:3), Quinte (3:2), Oktave (2:1) bzw. 12:9, 12:8 und 12:6 (vgl. Zhmud 1997: 162, 184, 191-196). Es handelt sich dabei "um den ersten bekannten Versuch in der Geschichte der Wissenschaft, der eine physikalische Gesetzmäßigkeit mathematisch richtig zum Ausdruck bringt." (ebd.: 195; vgl. auch die genaue Analyse bei Burkert 1962: 348-364 [Kapitel "Pythagoreische Musiktheorie - Spekulationen, Experimente, Fiktionen"]) "Bezeichnend ist dabei, daß die Zahlen, die den ersten drei harmonischen Intervallen zugeordnet werden, die bekannte pythagoreische Tetraktys bilden (1,2,3,4). Dieses Faktum hat prägenden Einfluß auf die pythagoreische Harmonielehre; sie geht in der Folge davon aus, daß mit Hilfe der Zahlen der Tetraktys alle harmonischen Intervalle zum Ausdruck gebracht werden können. Dementsprechend gelten Intervalle, die nicht zu diesen Zahlen passen, nicht als harmonisch." (Zhmud 1997: 184) "Wenn Platon schreibt, daß »ungebildet ist, wer die Musik nicht kennt« (Leg. 654a), bringt er die Ansicht einer ganzen Epoche zum Ausdruck. Die Ausbildung in Musik wird in gleicher Weise wie das Erlernen der Schrift schon im fünften Jahrhundert zur Regel. Die Pythagoreer halten die Musik für eines der wichtigsten Mittel ethischer Erziehung. Nach den Worten des Aristoxenos, haben sie »Medizin zur Reinigung des Körpers und Musik zur Reinigung der Seele verwendet« (fr. 26). Die Pythagoreer haben zur Heilung verschiedener, vor allem seelischer, Krankheiten und Störungen in der Tat Musik eingesetzt, ..." (ebd.: 181 mit u. a. dem Hinweis in Anm. 1: "Der römische Arzt Caelius Aurelianus bezeichnet Pythagoras als denjenigen, der zum ersten Mal Musik zur Heilung von Krankheiten eingesetzt habe (Ceal. Aur. De morb. acut. IV,47).") So war es naheliegend, zwischen guter und schlechter, zwischen der Seele förderlicher und die Seele verderbende Musik, zwischen sittlicher und unsittlicher Musik zu unterscheiden und gab es Versuche, dies in Gesetzesform zu bringen (vgl. ebd.: 182f)

In dem einzig erhaltenen Zitat aus Eudemos Geschichte der Arithmetik geht es mit Bezug auf die musikalischen Intervalle um die Zahl 9: "»Und ebenso sind die Zahlenverhältnisse der drei symphonen Zusammenklänge - Quarte, Quinte und Oktave - der Zahl neun untergeordnet; denn die Summe von 2, 3 und 4 ist 9«." (Zhmud 1997: 136) Eine seltsame Rechnung, wo doch die 1 auch mitgerechnet werden müsste, wodurch dann die Zahl 10 wichtiger werden würde - die für Philolaos, Speusipp und Aristoteles bedeutsamere Zahl (vgl. Zhmud 2005: 143, Zhmud 1997: 166, 277 hier insb. Anm. 65). Verständlich wird das nur, wenn wir berücksichtigen, dass "die Eins in der pythagoreischen Mathematik nicht als Zahl galt". (Zhmud 1997: 288) Dazu passt, dass die "Identifizierung der pythagoreischen Tetraktys, der »Vierergruppe« mit der Zehnzahl ... eine nachplatonische Entwicklung" ist "und 10 spielt in der Musik überhaupt keine Rolle." (ebd.: 277 Anm. 65) "Berücksichtigen wir noch die besondere Bedeutung der Zahlen 3, 4 und 5, deren Verhältnis die Gestalt eines rechtwinkligen Dreiecks bestimmt, und dass der Goldene Schnitt sich aus den Verhältniszahlen des Pentagramms ergibt, so kommen wir zu der Vorstellung, dass das mathematische Denken des Pythagoras vor allem von Zahlen-Verhältnissen bzw. Proportionen geprägt ist (vgl. Burkert 1962: 414-418, 429 und Zhmud 1997: 162 mit Bezug auf andere Quellen, 184f). Jamblichos hatte behauptet, "daß Pythagoras die »musikalische« Proportion aus Babylon übernommen habe (In Nic. p. 118), das kann aber nicht sein, denn inzwischen wurde festgestellt, daß die babylonische Mathematik sich nicht mit der Proportionenlehre beschäftigt und keinen Bezug zur Musik aufweist." (Zhmud 1997: 202)

Doch bewegen sich diese Ansichten noch im Bereich der populären Vorstellungen von Pythagoras und seiner Lehre. Schauen wir genauer und lesen bei Burkert, "der »Lehrsatz des Pythagoras« war in Babylon seit Jahrunderten routinemäßig in Gebrauch" und auch in China bekannt (Burkert 1962: 405f), es "vollkommene" Zahlen wohl erst seit Euklid gibt (ebd.: 408-411) und die "vollkommendste Proportion" evt. aus Babylon stammt (ebd.: 418), dann kommen Zweifel an der Originalität des Pythagoras auf. Außerdem sind die Zahlen 3, 4 und 5 "im altgriechischen Volksbrauch enthalten" (Zahlen für Mann, Frau und Hochzeit; vgl. ebd.: 415, 451 und siehe das gesamte Kapitel "Zahl und Kosmos", 441-456). Zhmud sieht zwar einen ägyptischen Einfluss auf die griechische Mathematik, doch findet er in der ägyptischen Mathematik "keinerlei Hinweise, daß dieser oder irgendein anderer Einzelfall des Satz des Pythagoras bekannt gewesen wäre." (Zhmud 1997: 148) Und die Eigenschaften des rechtwinkligen Dreiecks mögen in Babylon bekannt gewesen sein, doch: "In der griechischen Literatur des sechsten bis vierten Jahrhunderts wird die babylonische Mathematik kein einziges Mal erwähnt, und es ist unklar, ob die Griechen überhaupt gewußt haben, daß es eine solche gab. In der elementaren Mathematik und Rechentechnik dieser Zeit lassen sich nirgends Hinweise auf babylonischen Einfluß finden. Außerdem erwähnt keiner der Autoren dieser Zeit eine Reise des Thales oder Pythagoras nach Babylon." (ebd.) Verlassen wir den Blick auf außergriechische Einflüsse, so sieht Zhmud uns mathematikgeschichtlich in "einer paradoxen Situation: Die Gesamtheit der Entdeckungen aller uns namentlich bekannten Mathematiker - von Thales bis zu Theodoros - kann kaum aufwiegen, was die Tradition anonymen Pythagoreern zuschreibt!" (ebd.: 179) Unser Wissen über die frühgriechische Mathematik ist "durch den Zufall der Überlieferung bedingt, und wenn - nur als Beispiel - der Prokloskommentar zum ersten Buch Euklids nicht überliefert wäre, dann wüßten wir darüber nicht ein Zehntel von dem, was wir heute wissen." (ebd.: 180)

Schauen wir für die Astronomie wieder über die Grenzen Griechenlands, so macht der angebliche Bezug zu einer ägyptischen Astronomie wenig Sinn: "Es ist schon seit langem bekannt, daß die Berichte der Griechen von der Astronomie der ägyptischen Priester unglaubwürdig sind. In Ägypten hat es im Grunde genommen keine andere Art von Astronomie gegeben als die Beobachtung der Sterne mit dem Ziel, einen Kalender zusammenzustellen; in den ägyptischen Texten findet sich keine einzige Aufzeichnung astronomischer Beobachtungen." (Zhmud 1997: 202f mit Anm. zu Quellen) Auch ist ein babylonischer Einfluss auf die griechische Astronomie zur Zeit von Pythagoras und den folgenden zwei Jahrhunderten wenig wahrscheinlich (nachgewiesen ist ein Einfluss von der Mitte des zweiten Jh. v. Chr.), weil die Zielsetzung der babylonischen und griechischen Astronomen eine andere war. Die Babylonier interessierte "die Vorhersage der sichtbaren Bewegung der Himmelskörper, von Mond, Sonne und Planeten", weil sie darin "Vorzeichen für den Ausgang von Staatsangelegenheiten, für Sieg oder Niederlage im Kriege, für den Ertrag von Ernten" sahen (ebd.: 203). "Eine Astrologie in der heutigen Bedeutung des Wortes, d.h. die Verknüpfung individueller Schicksale mit den Bewegungen der Himmelskörper, entsteht in Babylon allerdings erst relativ spät (im fünften Jahrhundert), wobei sie erst auf griechischem Terrain, im hellenistischen Ägypten, zu einer eigenen Disziplin heranwächst. Übrigens waren die astronomischen Beobachtungen nicht Sache der babylonischen Priester; das war Aufgabe speziell ausgebildeter Schreiber." (ebd. mit Anm. zu Quellen) Die griechischen Astronomen hingegen interessierten sich auch für die nicht sichtbaren Bewegungen der Himmelskörper und waren "von Anaximander an in erster Linie an einem geometrischen Modell interessiert, das die wahre Struktur des Kosmos abbilden und die sichtbare Bewegung der Himmelskörper erklären sollte. Die babylonische Astronomie dagegen war grundsätzlich ageometrisch: Vorstellungen von der Himmels- und der Erdsphäre, von gleichmäßigen Kreisbewegungen der Planeten wie auch jedes andere erklärende Modell, waren ihr völlig fremd. Die Babylonier konnten Mondfinsternisse vorhersagen, interessierten sich aber in keiner Weise für ihre Ursachen." (ebd.: 204) Doch gibt es unter den Astronomiehistorikern unterschiedliche Positionen über den Einfluss der babylonischen auf die (früh)griechische Astronomie (vgl. ebd.: 202-209). So ist auch umstritten, ob die griechischen Zodiakbilder einen babylonischen Ursprung haben (vgl. ebd.: 205 Anm. 17). Noch verwickelter wird es, wenn festgestellt wird, dass die Babylonier keine Methoden zur Vorhersage von Sonnenfinsternissen gekannt haben und Thales für seine berühmte Vorhersage für das Jahr 585 also keine solche Grundlage gehabt haben konnte. (vgl. ebd.: 206) "Die wirkliche Synthese der griechischen Theorie und der babylonischen Berechnungen erfolgt erst in der Mitte des zweiten Jahrhunderts, als die griechische Astronomie ein Niveau erreicht, das es ihr gestattet, diese Berechnungen zu verwenden und nachdem zugleich diese Angaben von einem nicht näher bekannten Babylonier in die griechische Sprache übersetzt wurden." (ebd.: 209 mit einer ausführlichen Anm.) Über die Bedeutung oder Nicht-Bedeutung von Pythagoras bei der Entdeckung der Kugelgestalt der Erde, der Planetenlehre oder bei der Einteilung der Erde in Zonen siehe Zhmud 1997: 210-218. Auch zu Pythagoras Bedeutung für die Begriffe "Philosophie" und "Kosmos" finden wir Interessantes bei Zhmud (ebd.: 290f, 292-295; zum Begriff "Philosophie" siehe auch Burkert 2006: 217-235 [Original 1960] und Laks 2005: 19-39 zur Entstehung der Philosophie als neue (Fach)Disziplin) Das Grundproblem bei Pythagoras Philosophie besteht zum einen darin, dass wir uns von der Vorstellung lösen müssen, "daß die Philosophie der Pythagoreer auf dem Grundbegriff der Zahl aufbaut", wir zudem mit einer Fülle von pseudopythagoreischen Schriften konfrontiert sind und wir das Problem haben, dass Pythagoras "selbst nichts geschrieben hat und [seine] Nachfolger ganz unterschiedliche Positionen einnehmen". (Zhmud 1997: 281, 282) Sehr spannend zu lesen sind die Zhmuds Argumente für die Ansicht, dass die Philosophie der Zahl (die Maxime "Alles ist Zahl") ein Mythos ist - insbesondere deshalb, weil sowohl Befürworter als auch Skeptiker dieser Ansicht darin übereinstimmen, "daß sie den Kern der frühpythagoreischen Lehre im großen und ganzen richtig wiedergibt." (ebd.: 261) Hier nur zwei zusammenfassende Kernaussagen: "Die »pythagoreische« These »alles ist Zahl« entsteht im Kreis der Platonschüler, und geht in erster Linie auf Aristoteles zurück." (ebd.: 268) Und: "Wer nach verborgenen Geheimnissen der pythagoreischen Zahl sucht, sollte sich an Jamblichos wenden und nicht an Pythagoras." (ebd.: 279) Ich erinnere an die von Burkert mit Verweis auf Platon verwendete Wortwahl "musikalische Zahlenlehre", die Platon als den Pythagoreern zugehörig betrachtet. (Burkert 1962: 350)

Es wird also erstmals bei Ichazo die Verbindung von Enneagramm und Pythagoras hergestellt. Doch was Ichazo in seinem Letter to the transpersonal community über Pythagoras behauptet, ist im Lichte der Wissenschaft als Mythos zu betrachten. Nirgends nennt Ichazo eine Quelle für seine Behauptungen. Wir finden lediglich einen Hinweis auf sein Buch The Human Process for Enlightment and Freedom (1975). Selbst wenn darin Quellen genannt werden, dürfen wir davon ausgehen, dass sie nicht dem Stand der Forschung entsprechen, der bereits 1962 durch Walter Burkerts Habilitation auf ein neues Niveau gehoben wurde und dessen Arbeit 1972 in englisch veröffentlicht wurde (Lore and Science in Ancient Pythagoreanism). Schauen wir in der deutschen Ausgabe in das Kapitel "5. Historische Grundlagen" (Seiten 176-187), so zeigt sich eher Grauzone als Klarheit zur Person und zur Lehre des Pythagoras. Dort finden sich Äußerungen wie "... so möchte man urteilen, daß kein einziges Faktum aus dem Leben des Pythagoras unwidersprochen feststeht." (Burkert 1962: 176 ) Leonid Zhmud sagt 1997: "Trotz der kritischen Arbeit ganzer Generationen ist es aber bis heute noch nicht gelungen, das Bild des Pythagoras von allen Überlagerungen zu befreien, die es in den Werken der neupythagoreischen Epigonen erfahren hatte." (Zhmud 1997: 49) "...; in den Nachrichten über Reisen zu Phönikern, Chaldäern, Magiern steckt viel Konstruktion, doch gibt es zweifellos Beziehungen zu Orientalisch-Asiatischem." (Burkert 1962: 177) Zhmud ist da deutlicher und sagt, dass es die Reise nach Ägypten und Babylon "nicht gegeben hat", er sie "als haltlos erwiesen" habe. (vgl. Zhmud 1997: 57-64, 148)

"So spielt sich das Auftreten und der einmalige Erfolg des Pythagoras vor einem ganz bestimmten religiösen Hintergrund ab, im Ausgleich von chthonisch bestimmter Mysterienfrömmigkeit und Verehrung des »reinigenden« Apollon. Doch ist es schwer, über Allgemeinheiten hinaus zu konkreten Einzelheiten vorzustoßen. Kaum aus dem Bereich der Legende hinaus führen die mit Pythagoras verbundenen Personen." (Burkert 1962: 180) "...; offenbar existierten auch keinerlei Primärquellen*, alles geht auf mündliches Hörensagen zurück, wobei »Pythagoras« leicht zum bloßen Exponenten der Pythagoreer wird, ähnlich wie die Ionier von Ion, die Dorier von Herakles sprechen. [...] Moderne Forscher gingen so weit in der Skepsis, daß sie auch die politische Rolle von Pythagoreern in Kroton für Erfindung erklärten; ..." (ebd.: 183; in der dazugehörigen Anmerkung * [56] bespricht Burkert Näheres). 1982 veröffentlichte Burkert einen Artikel, in dem er erneut auf die Quellenprobleme bei Pythagoras verweist (vgl. Burkert 1982 in Burkert/Graf 2006: 205f)

Über die Quellen Porphyrios (Leben des Pythagoras) und Jamblichos (Über das pythagoreische Leben) lässt Zhmud ein wissenschaftliches Fallbeil niedersausen: "Bei Porphyrios und Jamblichos werden Legenden, phantastisches Element und Wundergeschichten vom Nebenmotiv zum eigentlichen Kern der Erzählung, was sich übrigens schon bei vielen ihrer hellenistischen Vorgänger beobachten läßt." (Zhmud 1997: 48) Über Jamblichos Werk sagt Zhmud: "...; es ist nicht mehr als eine mechanische Kopie von zwei, drei Vorlagen (und zwar nicht einmal der besten), wobei diese Abschrift von Entstellungen, sinnlosen Wiederholungen und Verdrehungen nur so strotzt." (ebd.: 49) Von den Philolaos-Fragmenten gelten "[n]ach einem mehr als 150-jährigen Streit" nur die Fragmente DK 44 B 1-7, 13 und 17 als echt, doch werden sie von Burkert und Huffmann unterschiedlich interpretiert (vgl. Zhmud 2005: 135) - "es stellt sich weiterhin die Frage, ob Philolaos tatsächlich die Philosophie des Pythagoras erklärt oder nur seine eigenen Lehren propagiert." (Zhmud 1997: 15) Dies ist die zentrale Grundschwierigkeit bei der Deutung sämtlicher Quellen hinsichtlich des Wirkens von Pythagoras und der Pythagoreer in Politik, Philosophie, Religion und Wissenschaft (Medizin, Botanik, Anatomie, Physiologie, Philosophie und das Quadrivium der exakten Wissenschaften: Arithmetik, Geometrie, Harmonielehre, Astronomie). Ernst zu nehmende vorplatonische Fragemente findet Zhmud trotzdem bei Ion von Chios, Empedokles und Heraklit (vgl. ebd.: 32-40), obgleich mit ihnen "ein einigermaßen vollständiges Bild der pythagoreischen Schule nicht zu gewinnen ist." (ebd.: 43) Trotzdem gilt für Zhmud: "Die philosophische und wissenschaftliche Tätigkeit des Pythagoras bzw. seiner unmittelbaren Nachfolger ist in der frühen Überlieferung klar und eindeutig bezeugt. Die verbreitete Vorstellung, daß sich die pythagoreische Gemeinschaft nur langsam von einer religiös-politischen zu einer wissenschaftlich-philosophischen wandelt, findet in dem von uns analysierten Material keinen Rückhalt. Andererseits lassen die Zeugnisse nicht erkennen, mit welchen Wissenschaften sich Pythagoras und seine Nachfolger beschäftigt haben und welche Resultate sie dabei erzielen. ... bezweifelt niemand, daß er bei den Ereignissen, die am Ende des sechsten Jahrhunderts in Kroton ablaufen, eine bedeutende Rolle spielt, weil nämlich die Quellen des vierten Jahrhunderts ganz präzise darüber berichten." (ebd.: 44)

Im Kapitel zur Symbolherkunft betonte ich einen möglichen Einfluss von Edouard Schurés Buch Die Großen Eingeweihten auf Gurdjieff. Gleichzeitig stellte ich nüchtern fest, dass Pythagoras nur fünf Mal im Beelzebub und kein einziges Mal in Ouspenskys Suche nach dem Wunderbaren über die Zeit mit Gurdjieff in Moskau und Petersburg erwähnt wird (Ouspensky erwähnt ihn lediglich einmal in Kapitel 1 mit Bezug auf seine Reisen, bei denen er hoffte, in Kontakt zu kommen "with schools of the distant past, with schools of Pythagoras, with schools of Egypt, with the schools of those who built Notre-Dame, and so on."). Die folgenden Zitate zeigen, dass die bisher nur als sehr lose zu deutende Verbindung von Gurdjieff zu Pythagoras hinsichtlich eines Gesetzes der Drei und eines Gesetzes der Sieben doch sehr von Schuré inspiriert gewesen sein kann. Bei Schuré finden sich folgende Aussagen zu Pythagoras:

"Das Andenken und die Lehre des Meisters wurde nur gerettet durch Überlebende, die nach Griechenland fliehen konnten. Plato konnte nur mit großer Mühe und für einen großen Preis sich durch Archytas ein Manuskript dieses Meisters verschaffen, der übrigens seine esoterische Lehre nur in geheimen Zeichen und in symbolischer Form niederschrieb. Sein wirkliches Wirken bestand, wie dasjenige aller großen Reformatoren, im mündlichen Unterricht. Aber die Essenz seines Systems ist niedergelegt in den Goldenen Versen des Lysis, in dem Kommentar des Hierokles, in den Fragmenten des Philolaos und Archytas, wie in dem Timäus des Plato, der die Kosmogonie des Pythagoras enthält. Endlich sind die Schriftsteller des Altertums des Lobes voll über den Philosophen von Krotona. Sie können sich nicht genugtun in Anekdoten, die seine Weisheit, seine Schönheit und seinen wunderbaren Einfluß auf die Menschen schildern. Die Neu-Platoniker Alexandriens, die Gnostiker, ja selbst die ersten Kirchenväter führen ihn als Autorität an. Es sind kostbare Zeugnisse, in denen immer noch die mächtige Woge des Enthusiasmus vibriert, den die große Persönlichkeit des Pythagoras Griechenland mitzuteilen verstand und dessen letzte Wogen noch fühlbar sind acht Jahrhunderte nach seinem Tode." (Schuré [1889]/ 121956: 226f, eigene Hervorhebung) In seinem Pythagoras-Kapitel bringt Schuré deutlich ein angeblich pythagoreisches Mikro-Makro-Denken zum Ausdruck, dass sich in einem "Gesetz der Dreiheit, welches die Gesetzmäßigkeit der Wesen beherrscht, das der Siebenheit, welches der Evolution vorangeht" (ebd.: 232). Rund 30 Seiten weiter heißt es: "Die sittliche Prüfung war ernster. Plötzlich, ohne Vorbereitung, schloß man eines Morgens den künftigen Geheimschüler in eine trübe und kahle Zelle. Man gab ihm eine Tafel, und teilnamslos befahl man ihm, den Sinn einer der pythagoräischen Symoble zu finden, z. B.: »Was bedeutet das in den Kreis gezeichnete Dreieck?« Oder: »Warum ist das in der Sphäre enthaltene Dodekaedron die Zahl des Universums?« [...] Du wirst so den Gang durch alle Symbole machen." (ebd.: 263, eigene Hervorhebung) Und weiter: "Im Grunde der antiken Mysterien führte man alle Götter zurück auf den Einen höchsten Gott. War diese Offenbarung mit all ihren Folgen verstanden, so wurde sie zum Schlüssel des Kosmos. Deshalb behielt man sie vor für die eigentliche Initiation. Der Novize wußte davon nichts. Man ließ für ihn nur diese Wahrheit durchblicken durch das, was ihm von der Macht der Musik und der Zahl gesagt wurde. Denn die Zahlen, lehrte der Meister, enthalten das Geheimnis der Dinge, und Gott ist die universelle Harmonie. Die sieben heiligen Tonarten, auf den sieben Noten der Lyra aufgebaut, entsprechen den sieben Farben des Lichts, den sieben Planeten und den sieben Arten des Daseins, die sich in allen Sphären der materiellen und geistigen Welt wiederholen, angefangen von der kleinsten und endend mit der größten. Die Melodien dieser Tonarten, mit Weisheit eingeflößt, mußten die Seele stimmen und sie genügend harmonisch unter dem Hauch der Wahrheit vibrieren lassen." (ebd.: 267, eigene Hervorhebung) "Die Wissenschaft der Zahlen war unter verschiedenen Namen in den Tempeln Ägyptens und Asiens bekannt. Da sie den Schlüssel zur ganzen Lehre enthielt, verbarg man sie sorgfältig vor dem Profanen. Die Ziffern, die Buchstaben, die geometrischen Figuren oder die menschlichen Bilder, welche dieser Algebra der okkulten Welt als Zeichen dienten, wurden nur vom Eingeweihten verstanden." (ebd.: 270, eigene Hervorhebung) "Die ZAHL wurde nicht als eine abstrakte Größe betrachtet, sondern als die wesentliche und aktive Eigenschaft der höchsten EINS, Gottes, der Quelle des universellen Zusammenklangs. Die Wissenschaft der Zahlen war diejenige der lebendigen Kräfte, der in den Welten und in dem Menschen, im Makrokosmos und im Mikrokomos tätigen göttlichen Eigenschaften ... Indem er sie durchdrang, sie voneinander unterschied und ihren Zusammenklang erklärte, schuf Pythagoras nichts weniger als eine Theogonie oder eine rationelle Theologie. [...] ... »Wissenschaft der Zahlen«. Sie erhob den Anspruch, den Schlüssel des Seins, der Wissenschaft und des Lebens zu liefern." (ebd.: 271) Schuré beschreibt einen pythagoreischen "Tempel der Musen", den die "Obrigkeiten Krotonas" für ihn haben erbauen lassen. "Im Innern dieses kreisförmigen Tempels sah man in Marmor die neun Musen. Aufrecht in der Mitte stehend, feierlich und geheimnisvoll, wachte, in einen Schleier gehüllt, Hestia. Mit der linken Hand schützte sie die Flamme eines Altars, mit der rechten wies sie auf den Himmel. Bei den Griechen wie bei den Römern war Hestia oder Vesta die Hüterin des in allen Dingen gegenwärtigen göttlichen Prinzips." (ebd.: 272, eigene Hervorhebung; laut Zhmud "gibt es keine von der pythagoreischen Überlieferung unabhängige Quelle, die das Vorhandensein eines Kults oder Tempels der Musen in Kroton bestätigt" [Zhmud 1997: 82 Anm. 34) "Festzuhalten ist, daß die pythagoreische Gemeinschaft mehr einer sozialpolitischen Organisation als einer religiösen Sekte ähnelt." (Zhmud 1997: 80) Burkert sieht das anders. Allerdings: "Die Vorstellung von der Mündlichkeit des frühen Pythagoreismus wird von der älteren Überlieferung eindeutig widerlegt." (Zhmud 1997: 89 mit Verweis auf Huffmann) Denn es gab Schriften von Alkmaion, Hippasos, Menestor, Hippon, Demokedes und Akron. Und mit Blick auf ein angebliches fünfjähriges Schweigegebot sagt Zhmund: "Die Vorstellung von einer »Geheimlehre« der frühen Pythagoreer ist also sicher falsch". (ebd.) Zhmud hat keinen verlässlichen Hinweis darauf, dass die "Verbreitung wissenschaftlicher und philosophischer Ideen" verboten war. (ebd.)

Das Folgende gibt sehr gut die mystisch-spirituelle Atmosphäre wieder, die den gesamten Schuré-Text durchströmt: "Nachdem er seine Jünger in dies kleine Heiligtum geführt hatte, öffnete Pythagoras das Buch des Wortes und begann seinen esoterischen Unterricht. »Diese Musen«, sagte er, »sind nur irdische Abbilder der göttlichen Mächte, deren unmaterielle und erhabene Schönheit ihr in euch selbst betrachten werdet. So wie sie auf das Feuer der Hestia blicken, dem sie entstiegen und das ihnen die Bewegung, den Rhythmus und die Melodie gibt - so müßt ihr in das zentrale Feuer des Universums tauchen, in den göttlichen Geist, um euch mit ihm auszubreiten in seinen sichtbaren Manifestationen.« Mit mächtiger und kühner Hand entrückte dann Pythagoras seine Schüler der Welt der Formen und der Wirklichkeiten; er löschte die Zeit und den Raum aus und ließ sie mit ihm hinuntersteigen in die große Monade, in die Essenz des unerschaffenen Seins." (ebd.: 273) Es folgt die Betonung der triadischen Welt (Körper, Seele, Geist sowie natürliche, menschliche und göttliche Spären des Universums). "Die Triade oder das Gesetz der Dreiheit ist also das Grundgesetz der Dinge und der wahre Schlüssel zum Leben." (ebd.: 275, eigene Hervorhebung)
Nachdem Schuré sich noch eine Weile zur Zahl Drei äußert und dabei auf ein Orakel des Zoroaster verweist:
"Die Zahl drei herrscht überall im Universum
Und die Monade ist ihr Prinzip.
Das unvergleichliche Verdienst des Pythagoras besteht darin, mit der Klarheit des griechischen Genius dieses Gesetz formuliert zu haben." (ebd.: 277)
folgt darauf die Erwähnung der Tetraktis:
"Wie die universelle Dreieinigkeit sich in der Einheit Gottes oder der Monade zusammenschließt, so schließt sich die menschliche Dreieinigkeit zusammen in dem Bewußtsein des Ich und in dem Willen, dessen lebendige Einheit alle Eigenschaften des Körpers, der Seele und des Geistes umspannt. Die in der Monade zusammengedrängte göttliche und menschliche Dreiheit bildet die heilige Tetraktis." (ebd., eigene Hervorhebung)
Nachdem Schuré noch einiges zur Tetraktis bemerkte, hebt er die Bedeutung der ersten vier Zahlen hervor und kommt schließlich auf die Zahlen 7 und 10 zu sprechen:
"Pythagoras ging noch viel weiter vor im Unterricht der Zahlen. In einer jeden von ihnen stellte er fest ein Prinzip, ein Gesetz, eine tätige Kraft des Universums. Aber er sagte, daß die wesentlichen Prinzipien in den vier ersten Zahlen enthalten seien, da man alle anderen findet, wenn man diese addiert oder multipliziert.
[...]
Wie alle großen Lehrer der esoterischen Wissenschaft schrieb Pythagoras eine besondere Bedeutung der Zahl Sieben und der Zahl Zehn zu. Sieben, in ihrer Zusammensetzung von drei und vier, bedeutet die Verbindung des Menschen mit der Gottheit. Es ist die Zahl der Adepten, der großen Eingeweihten, und da überall eine vollkommene Realisation durch sieben Stufen erreicht wird, stellt sie das Gesetz der Entwicklung dar. Die Zahl Zehn, durch die Addition der vier ersten gebildet und die vorige enthaltend, ist die vor allen vollkommene Zahl, weil sie alle Grundeigenschaften der Gottheit darstellt, nachdem sie sich entwickelt und vereinigt haben zu einer neuen Einheit." (ebd.: 279, eigene Hervorhebung) Die Zahl Sieben stellt daneben auch die "sieben Stationen des Kreuzweges, die den sieben Stufen der christlichen Einweihung entsprechen", dar. (Fedjuschin 1988: 199) Daneben hat C. W. Leadbeater "alle Seinszustände in 7 Pläne" aufgeteilt. (vgl. ebd.: 263) "Analog dazu besteht der Mensch aus sieben Körpern oder Welten. [...] Den physischen Körper des Menschen umgeben die anderen Körper wie Schalen, die ineinanderfließen. Jeder höhere Körper hat bei jedem Menschen seine eigene Farbe, und diese höheren Körper werden vom Hellseher als menschliche Aura gesehen. [...] Rudolf Steiner hat diese Lehre von Annie Besant und C. W. Leadbeater weiterentwickelt, indem er sie zu einem Schulungsweg machte für solche Leute, die die Gabe des Hellsehens erlangen möchten." (ebd.: 263f) Die Zahl Sieben wirkte also auch bei Steiner weiter. Zur Zahl 3 bzw. Trinität, Dreifaltigkeit oder Dreieinigkeit und zur Zahl 7 äußert sich Schure an vielen Stellen seines Buches (Schuré [1889]/ 121956: 18, 20, 21, 33, 87, 90, 107, 113 [Hermes Trismegistus], 118, 124, 134-139, 160, 162, 167 [das heilige Tetragramm], 189, 193, 194, [dreifache Hekate], 197, 199 [der dreimal sich offenbarende Dionysos], 200 [er dreimal den Donnerer Zeus anrief], 232, 267, 275, 277-279, 318, 344, 459 Anm. 36, 461 Anm. 45).

Eine Verbindung zur Zahl 9 ergibt sich vor allem über Anaximander:
"Was hat Pythagoras dazu bewogen, in der Natur nach Gesetzmäßigkeiten zu suchen, die sich in Zahlen ausdrücken lassen, was hat ihn dazu veranlaßt, den Harmonien Zahlenverhältnisse zuzuordnen ? Eine wahrscheinliche Antwort auf diese Frage gibt uns das kosmologische Modell des Anaximander; bei diesem Modell handelt es sich ebenfalls um den Versuch, Phänomene der sichtbaren Welt durch einfache Zahlenverhältnisse zu erklären. Anaximander stellt sich die Erde als einen flachen Zylinder vor, dessen Durchmesser das dreifache der Höhe beträgt, wobei der Abstand zwischen den einzelnen Himmelskörpern das Neunfache ausmacht. Die Zahlenverhältnisse, die Anaximander hier nennt, sind natürlich rein spekulativ und haben keinerlei Beziehung zur Struktur des Kosmos,10 aber heuristisch geshen haben gerade diese Ideen die Suche nach genaueren und besser überprüfbaren Zahlenverhältnissen in der Natur angeregt." (Zhmud 1997: 183f mit Anm. 10: "Ähnliche Vorstellungen finden wir schon lange vor der Geburt von Philosophie und Wissenschaft in der »Theogonie« Hesiods (720ff), wo der Abstand zwischen Himmel, Erde und der Unterwelt ebenfalls das Neunfache beträgt.")

Zum Abschluss noch zwei Zitate, die Schurés Darstellungsweise abrunden: "Der Unterricht des Pythagoras, der in den Tiefen des Absoluten begonnen hatte mit der göttlichen Dreieinigkeit, endete so im Mittelpunkt des Lebens mit der menschlichen Dreieinigkeit. Im Vater, in der Mutter und in dem Kinde wußte der Eingeweihte jetzt den Geist, die Seele und das Herz des lebendigen Universums zu erkennen." (Schuré [1889]/ 121956: 318, eigene Hervorhebung)
"Pythagoras war ein Adept, ein Eingeweihter ersten Ranges. Er besaß das direkte Schauen des Geistes, den Schlüssel zu den okkulten Wissenschaften und zur geistigen Welt. Er schöpfte also an der ersten Quelle der Wahrheit. Und da er mit diesen transzendenten Fähigkeiten der intellektuellen und durchgeistigten Seele noch die genaue Beobachtung der physischen Natur und die meisterhafte Klassifikation der Ideen in seiner hohen Vernunft vereinigte, so war niemand besser geeignet als er, das Gebäude der Wissenschaft vom Kosmos zu errichten." (ebd.: 327)

Sei die "Wissenschaft vom Kosmos" das Stichwort, um abschließend kurz auf die "Sphärenmusik", "Sphärenharmonie" oder "Harmonie der Sphären" einzugehen. Zhmund verweist darauf, dass sowohl Platon, der den pythagoreischen Gedanken weiter entwickelte als auch Aristoteles, der ihn zu widerlegen suchte, "schlicht von Himmelsharmonie" sprachen. (Zhmud 1997: 219) "Wir besitzen keinerlei Zeugnisse dafür, daß sich Pythagoras und seine Schüler Planeten, Sonne und Mond als an Sphären befestigt vorgestellt haben. Aller Wahrscheinlichkeit nach haben sie nur von zwei Spähren gesprochen, der der Erde und der der Fixsterne; alle anderen Körper dürften sie sich als in freier Kreisbahn wandernd vorgestellt haben. Der Zusammenhang der Planetenbewegungen mit Sphären läßt sich lediglich bis zu Eudoxos zurückverfolgen; die Übertragung des Begriffs »Harmonie der Sphären« auf die pythagoreische Theorie ist noch späteren Datums. [...] Von den Schriftstellern der Spätantike, vor allem Censorium und Boethius, wird die Idee von der Sphärenharmonie an das mittelalterliche Westeuropa weitergereicht, wo sie über die Jahrhunderte hinweg eine der wenigen Vorstellungen blieb, die man noch mit dem Namen des Pythagoras assoziierte. Das Bild eines Universums voll göttlicher Harmonien zieht viele Renaissancedichter und -denker an. Unter den Astronomen der Neuzeit hat sich vor allem Kepler von der Idee der Sphärenharmonie angesprochen gefühlt, ..." (ebd.: 219, 225) Zhmud verweist darauf, dass bei der Verwandschaft von Harmonielehre und Astronomie weniger mathematische als viel mehr physikalische Prinzipien zugrunde liegen, obgleich er als wertvollstes Ergebnis der pythagoreischen Idee am Ende das von Kepler in Harmonices mundi formulierte mathematische Gesetz sieht: "Die Quadrate der Umlaufzeiten der Planeten verhalten sich wie die Kuben der mittleren Entfernung von der Sonne." (ebd.: 225)

Für Burkert ist die "Musik der Sphären", das "berühmteste und packendste Bild, in dem sich Astronomie und Mythos vereinen". (Burkert 1962: 328) Ausgangspunkt sind für ihn "die Assoziation der seit alters sprichwörtlichen »siebenseitigen« Leier mit der später nicht minder berühmten Siebenzahl der Planeten" (ebd.: 329). Doch so naheliegend es ist, die harmonischen Intervalle der Musik mit den Abständen und Geschwindigkeiten gleichförmig kreisender Planeten in ein Verhältnis zu setzen, so kann Burkert bei vorplatonischen Pythagoreern keine "systematische Ausführung des Gedankens der »Sphärenharmonie«" entdecken. (ebd.: 332) Aus den Überlieferungen der damaligen Zeit (von Pythagoras über Philolaos zu Platon) lassen sich laut Burkert keine "bestimmte musikalische, astronomische, mathematische Kenntnisse" erschließen (ebd.: 335), sondern verhält es sich eher umgekehrt, dass die pythagoreische Musiktheorie in die Astronomie hineinwirkt, indem Pythagoreer eine Behauptung aufstellten, die den Charakter "vorwissenschaftliche[r] »Weisheit«" hat: "daß die verschiedenen Abstände der Himmelskörper und die daraus resultierenden abgestuften Geschwindigkeiten harmonische Töne hervorbringen." (ebd.) Dies ist abzugrenzen von der "Bildung der Weltseele in Platons »Timaios«". Platon ging es darum, "die Harmonie der Zahlen an sich zu betrachten, ohne Rücksicht auf hörbare Klänge", ihm ging es um eine "Ordnung der Zahlen [als] Grundprinzip des »Kosmos«, das zugleich »Schönheit« und Abglanz des »Guten« ist." (ebd.: 331f, 351f)

Zur vertiefenden Lektüre verweise ich auf das Kapitel "Harmonie der Sphären" bei Zhmud (1997: 218-225), in dem er die Ansichten von Philolaos, Archytas, Aristoteles, Alexander und anderen mit ausführlichen Zitaten diskutiert. Er fasst die Grundannahmen der frühpythagoreischen Astronomie zusammen: "Im Zentrum des Kosmos befindet sich die kugelförmige Erde, um die sich von Ost nach West die Fixsternsphäre dreht und von West nach Ost Mond, Sonne und die fünf Planeten. Die Bewegung der Himmelskörper ist gleichmäßig und kreisförmig. Sie werden vermutlich als kugelförmig vorgestellt, obwohl dazu keine genauen Angaben vorliegen." (Zhmud 1997: 223)

James Webb sah Pythagores noch in der populären Sichtweise als Arithmologen, der das Universum als eine Komposition von Zahlen betrachtet (vgl. Webb 1980: 502). In diesem Sinne sieht er eine Verbindung zur Oktave, der Wasserstofftabelle, der "Ray of Creation" und der Konzeption der "objective music" des Gurdjieff (vgl. ebd.: 503, 509). Insgesamt sind die von Webb in dem Kapitel "The sources of the system" genannten möglichen Quellen von Gurdjieff sehr interessante Hinweise. Hier sehe ich für die religiös orientierten Enneagrammer eine interessante Forschungsaufgabe.

Schuré lernte 1884 Blavatsky kennen und trat der Theosophischen Gesellschaft bei. Später wechselte er zur Anthroposophischen Gesellschaft, trat zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges wegen zunehmender Entfremdung gegenüber dem bisher hochverehrten Steiner aus, kehrte aber vier Jahre nach Kriegsende wieder zu ihm zurück. Wenn wir annehmen, dass Schurés Buch in gewisser Weise den spirituellen Zeitgeist abbildete oder sogar prägte und Gurdjieff wie auch Personen aus seinem Umfeld Kenntnis von theosophischen Schriften hatten, so wird Gurdjieff in irgendeiner Weise von den dort geschilderten Inhalten erfahren haben.

Wir sollten jedenfalls nüchtern im Hinterkopf behalten, dass der Gurdjieff-Schüler Bennett nach seiner Quellensuche zur Gurdjieff-Lehre schrieb "»95% of what he taught can be found elsewhere,«". (Webb 1980: 500)



Zur Aufforderung erkenne dich
(gnòthi sautòn bzw. gnòthi seautòn)


Als Edouard Schuré 1889 sein berühmtes Werk Les Grands Initiès (Die Großen Eingeweihten, [1889]/ 1907) veröffentlichte, stellte er dem Kapitel "Pythagoras. Die Mysterien von Delphi" folgende Äußerung voran:

"Erkenne dich selbst - und du wirst das Universum und die Götter erkennen.
Inschrift auf dem Tempel zu Delphi." (Schuré [1889]/ 121956: 223)

Dies ist ein klarer Ausdruck der durch den Neoplatonismus eingeleiteten Umdeutung zu einem Mikro-/Makro-Verständnis des Orakelspruchs. Rund 30 Seiten weiter schreibt Schuré leicht verändert: "Man las auf dem Giebel des Tempels folgende Inschrift: »Erkenne dich selbst«, und über dem Eingangstor jene andere: »Der, dessen Hände nicht rein sind, schreite hier nicht weiter.«" (ebd.: 252) Nochmals rund 30 Seiten weiter lesen wir dann in einem Absatz eine Abwandlung des oben genannten delphischen Spruches - ich zitiere zum Verständnis der mystisch-spirituellen Atmosphäre des Schuré-Textes den gesamten Absatz:
"Die Kosmogonie der sichtbaren Welt, sagte Pythagoras, führt uns zur Geschichte der Erde und diese - zum Mysterium der menschlichen Seele. Mit ihm rühren wir an das Allerheiligste, an das Geheimnis der Geheimnisse. Ist das Bewußtsein einmal wach geworden, so wird die Seele für sich selbst zum wunderbarsten Schauspiel. Aber selbst dieses Bewußtsein ist nur die hell erleuchtete Oberfläche ihres Seins, in welchem sie dunkle und unergründliche Tiefen ahnt. In diesem unbekannten Abgrund betrachtet die göttliche Psyche mit gespanntem Blick alle Leben und alle Welten: die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft, welche durch die Ewigkeit verbunden werden: »Erkenne dich selbst, und du wirst die Welt der Götter erkennen.« Das ist das Geheimnis der eingeweihten Weisen. Aber um durch diese schmale Tür in die ungeheure Weite des unsichtbaren Universums zu treten, müssen wir in uns das direkte Schauen der geläuterten Seele erwecken, uns bewaffnen mit der Fackel der durchgeistigten Denkkraft, der Wissenschaft der Prinzipien und heiligen Zahlen." (ebd.: 285)

Schuré nennt keine Quellen für seine in Anführungszeichen gesetzten Äußerungen, die wie Zitate erscheinen. Der gesamte Text legt nahe, dass es Schurés eigene Deutungen des Orakelspruches sind, die er den Lesern nahe legt.

Überliefert ist der Spruch gnòthi sautòn bzw. gnòthi seautòn zuerst durch Platon (Protagoras 343b) - gleich daneben steht ein zweiter Spruch. Für beide Sprüche gibt es verschiedene Übersetzungen:
A. Kenne dich selbst und Nichts zuviel (nach Schleiermacher)
B. Erkenne dich selbst und Alles mit Maß (nach Rudolf Rufener)
C. Erkenne dich und Nichts im Übermaß (nach Bernd Manuwald und Hermann Tränkle)
Ich schließe mich der Übersetzung von Manuwald und Tränkle an.
Eine ausführliche Diskussion des Spruchs gnòthi sautòn bzw. gnòthi seautòn findet sich bei Hermann Tränkle (1984: 19-31) in seinem Vortrag GNOTHI SEAUTON. Zu Ursprung und Deutungsgeschichte des delphischen Spruchs.

Der Protagoras (343a,b) von Platon ist zugleich die erste Quelle für die Legende der Sieben Weisen: "...; man kann ja auch erkennen, daß ihre Weisheit von dieser Art ist: Von jedem liegen kurze, erwähnenswerte Aussprüche vor. Sie trafen auch gemeinsam zusammen und weihten Apollon für seinen Tempel in Delphi das Beste, was ihre Weisheit hervorgebracht hatte, nämlich Inschriften jener Aussprüche, die in aller Munde sind: »Erkenne dich« und »Nichts im Übermaß«. Wozu ich das sage ? Weil das die Weise philosophischer Äußerung bei den Alten war, kurze Aussprüche in lakonischer Art." (Platon, Protagoras 343a,b nach Manuwald 1999: 47; siehe hier zum Apollon-Tempel in Delphi; und hier die Verbindung zu Sokrates [runterscrollen bis zu Johann Georg Hamann])

Die Zusammensetzung der Gruppe der Sieben Weisen ist aber weder bei Platon noch bei späteren Autoren identisch; entsprechend gehört deren angebliche Zusammenkunft beim delphischen Tempel eher in den Bereich der Legendenbildung. Eine namentliche Zuordnung der Sprüche nimmt Platon nicht vor, diese "hat sich offenbar erst später herausgebildet bzw. verfestigt." (Manuwald 1999: 337) Bruno Snell weist in Leben und Meinungen der Sieben Weisen (41971) zu Beginn darauf hin, "welch eine Fülle von einander widersprechenden Erzählungen es im Altertum über die Sieben Weisen gegeben haben muß." (Snell 41971: 5; vgl. auch den Kommentar bei Manuwald 1999: 335-337) Ebenso verweist Snell auf verwandte Darstellungen bei Homer (sieben »Gemeindegreise«, die vor wichtigen Entscheidungen um Rat gefragt wurden) und Pindar (sieben Söhne des Sonnengottes, »die die weisesten Gedanken unter den früheren Menschen empfingen«) wie auch auf andere Kulturkreise, denen ebenfalls so etwas wie Sieben Weise bekannt war (am Ende der 11. Tafel des Gilgamesch-Epos werden Sieben Weise erwähnt; so gibt es Sieben Rischis der alten Inder; einen Siebener-Rat beim persischen König; chinesische Bilder, die »die Sieben Weisen im Bambushain« zeigen) (Snell 41971: 15). Bei Snell findet sich unter Berücksichtigung verschiedener spätantiker Schriften nicht nur eine wechselnde Zusammensetzung der 7er-Gruppe, sondern auch folgender Absatz hinsichtlich der Weisheits-Sprüche:

"Auch ihre Aussprüche sind umstritten, und die einzelnen werden verschiedenen zugesprochen. »Erkenne dich selbst« wird als Sprichwort genommen; das bezeugt Theophrast in seiner Schrift über die Sprichwörter; Chamaileon in dem Buch über die Götter gibt diesen Spruch dem Thales; die meisten nehmen an, er stamme von Chilon; Hermipp im ersten Buch über Aristoteles sagt, Labys, ein Eunuche in Delphi, habe dies gesagt, der ein Tempelwächter im Heiligtum gewesen sei. Klearch aber sagt in seinem Buch über die Sprichwörter, es sei ein Gebot des pythischen Apoll und als Oraktel dem Chilon gegeben, als dieser fragte, was die Menschen am ehesten lernen sollten; Aristoteles in dem Dialog über Philosophie schreibt es der Pythia zu. Schon vor Chilon war es nämlich aufgezeichnet auf dem delphischen Tempel, der nach dem sogenannten geflügelten und nach dem bronzenen gebaut war. Antisthenes in seinen »Philosophenschulen« sagt, der Spruch »Erkenne dich selbst« stamme von Phemonoe, der ersten Pythia in Delphi, und Chilon habe ihn sich nur angemaßt." (Snell 41971: 9)

Dem Thales ordnet Snell zu Beginn seines Buches das "Erkenne dich selbst !" zu (ebd.: 13), doch findet sich im Kapitel "Sentenzen" (die bedeutsamsten Kernsprüche der Weisen) die Zuordnung bei Chilon (ebd.: 105). Obwohl jedem Weisen ursprünglich nur ein Spruch zugeordnet wurde, enthielten Ende des 4. Jh. v. Chr. die Sammlungen von Demetrios von Phaleron und Sosaides "jeweils 124 und 147 Sprüche (Stob. III 1, 172-173)." (Zhmud 2005: 148) Schröder verweist in einem Kommentar zu Plutarchs Schrift De Pythiae oraculis darauf, dass wir über Anzahl und Ort der Sprüche kein Wissen, sondern nur Vermutungen haben. (vgl. Schröder 1990: 427-431) Zur grundsätzlichen Schwierigkeit, etwas Zuverlässiges über Lebensdaten und Lehre der Vorsokratiker sagen zu können, siehe Diels (1957: Vorbemerkung), wie auch bei Burkert ([1977]/ 22011: 18-21) hinsichtlich der Quellenlage zu Aussagen über die Griechische Religion der archaischen und klassischen Epoche.

Burkert bemerkt zum gnòthi sautòn (hier im Gegensatz zu Tränkle ohne "e", also sautòn statt seautòn): "...; dies ist, wie man längst gesehen hat, nicht psychologisch und auch nicht existentiell-philosophisch im Sinn des Sokrates gemeint, sondern anthropologisch: Erkenne, dass du kein Gott bist. [...] Apollon bleibt der »Gott der Ferne«; der Mensch erkennt sich selbst in der Distanz zu Gott." (Burkert [1977]/ 22011: 230) Dies wird mit Bezug auf Burkert und Schadewaldt von Tränkle bestätigt: "Unter den philologischen Kennern besteht weitgehend Einigkeit darüber, daß er ursprünglich generell gemeint gewesen sei und auf die Schwäche und Hinfälligkeit habe hinweisen wollen, die dem Menschen im Gegensatz zu den Göttern eigentümlich sei ..." (Tränkle 1985: 22) Erst in der Folgezeit haben sich andere Deutungen entwickelt (vgl. ebd.: 24ff), die schließlich in einen Gegenpol mündeten, der auf das Besondere und Großartige des Menschen abzielte, "die Deutung im Sinne von »Erkenne, daß du eine unsterbliche Seele hast«, die zum ersten Mal in einem wohl zu Unrecht Platon zugeschriebenen Dialog des späten 4. Jh.v.Chr. auftaucht, im sogenannten Ersten Alkibiades, und die in der späteren Antike immer stärker um sich greift, ..." (ebd.: 25) Die Neuplatoniker waren es schließlich, die die Verbindung herstellten: "So haben sie die Mikrokosmosidee, d.h. die Vorstellung, daß der Mensch ein Abbild der gesamten Weltordnung im kleinen darstellt, dazu benützt, um neben der Gotteserkenntnis auch Welterkenntnis mit der Selbsterkenntnis zu verbinden, so daß Philosophieren nichts anderes mehr bedeutet als Versenkung in das eigene Innere. Außerdem haben sie die beiden erwähnten generellen Deutungen der delphischen Maxime, wie es nahelag, in dem Sinne miteinander verbunden, daß sie uns auffordert, sowohl die Größe und den Wert unseres Geistes zu erkennen als auch die Schwäche und Hinfälligkeit unseres Leibes." (ebd.: 26f) Die "Verbindung von Selbsterkenntnis, Gotteserkenntnis und Welterkenntnis, die durch den Ersten Alkibiades inauguriert wurde, [spielt] im Mittelalter und auch noch in der Neuzeit bis über das Ende des 17. Jh. hinaus eine recht erhebliche Rolle." (ebd.: 29) Die Mikro-/Makro-Idee wurde von Robert Fludd und Anderen aufgegriffen und fand so auch ihren Weg zum belesenen Gurdjieff (vgl. den Artikel Weltordnungen und Körperwelten. Das Tableau des Gewussten und seine Repräsentation bei Robert Fludd von Breidbach 2006: 41-65).

Schuré ließ im Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert mit seiner Interpretation des delphischen Spruches die seit dem Neuplatonismus entstandene Linie weiterleben, die "delphische Maxime als Aufforderung zu beschaulicher, ja mystischer Versenkung in das eigene Innere" zu verstehen. Laut Tränkle war diese Linie eigentlich im 18. Jh. verebbt. Es war dann Goethe, der sich kritisch äußerte: "»Hiebei bekenn' ich, daß mir von jeher die große und so bedeutend klingende Aufgabe 'Erkenne dich selbst' immer verdächtig vorkam, als eine List geheim verbündeter Priester, die den Menschen durch unerreichbare Forderungen verwirren und von der Tätigkeit gegen die Außenwelt zu einer innern falschen Beschaulichkeit verleiten wollten. Der Mensch kennt nur sich selbst, insofern er die Welt kennt ...« Ähnlich bemerkt er 1823 dem Kanzler von Müller gegenüber: »Ich behaupte, der Mensch kann sich nie selbst kennen lernen, sich nie rein als Objekt betrachten. Andere kennen mich besser als ich mich selbst. Nur meine Bezüge zur Außenwelt kann ich kennen und richtig würdigen lernen, darauf sollte man sich beschränken.«" (Tränkle 1985: 30 mit Bezug auf die Artemis-Ausgabe XVI 879 sowie XXIII 328 [8. März])

Damit zeigt sich bei Goethe der feine Unterschied zwischen einem "Erkenne dich selbst" und einem "Erkenne dich". Während die erste Formulierung darauf verweist, dass man sich selbst erkennen soll (was genau genommen ein unnötiger Hinweis ist, denn wer sonst, wenn nicht ich selbst kann etwas erkennen) und die Leser zu der Vorstellung einer meditativen Versenkung veranlasst sein könnten, lässt die zweite Formulierung offen, ob wir zur Selbsterkenntnis auch den Spiegel der Anderen nutzen können, was einen aktiven Dialog mit unserer Außen- bzw. Mitwelt voraussetzt.

Jedem vernünftigen Menschen ist heutzutage klar, dass für eine Selbsterkenntnis niemals die Selbsteinschätzung ausreicht, sondern mindestens eine Fremdeinschätzung eingeholt werden sollte. In diesem Sinne ist das delphische gnòthi sautòn zeitlos aktuell. Weiter unten im Text folgt noch eine Deutungsweise von Werner Otto, dem Gründer des Otto-Versandes.



Evagrius Pontikus (345-399)


Andreas Ebert stieß 1995 auf einen Text der zeitgleich auch Lynn Quirolo in die Hände fiel - sowohl Ebert als auch Quirolo veröffentlichten ihre Erkenntnisse dann 1996 in der Zeitschrift Enneagram Monthly (Ebert: Are the Origins of the Enneagram Christian after all?; Quirolo: Pythagoras, Gurdjieff and the Enneagram). Zuvor erkannten der Jesuit Bob Ochs und der Benediktiner Anselm Grün "erstaunliche Parallelen zwischen dem Enneagramm und der Lehre von den Leidenschaften ..., wie sie Evagrius entwickelt hatte." (Rohr/ Ebert [1989/ 1999]/ 2009: 23) Ebert sieht sich deshalb darin bestärkt, den Ursprung des Enneagramms eher in der christlichen als in der islamischen Mystik zu sehen. Unterstützt wird der Gedanke durch die Tatsache, dass die nach Evagrius Tod vor Angriffen fliehenden Gesinnungsgenossen u. a. "nach Armenien und in die arabische Welt" gelangten, "wo sie später auch die persischen Sufis beeinflussten. In Armenien genießt Evagrius bis heute große Verehrung; zum Teil wurden seine Schriften überhaupt nur in armenischer Übersetzung aufbewahrt." (ebd.: 24) Untertützend sei für das Armenien-Argument darauf hingewiesen, dass der Evagrius-Kenner Gabriel Bunge sein Vorwort zu Evagrios Pontikos. Briefe aus der Wüste (1986) mit "11. Januar, am Fest des ABBA EVAGRIOS in der Armenischen Kirche" unterschrieben hat.

Ebert sieht damit zwei Verbindungen zum Enneagramm: "Das Werk des Evagrius berührt sich an zwei Punkten eng mit dem Enneagramm: In seiner Lehre von den Leidenschaften und in der Beschreibung einer auf pythagoräischer Zahlenspekulation beruhenden Figur, die wesentliche Züge des Enneagrammsymbols zeigt." (ebd.: 26)

Würdigung und Kritik der ersten Verbindung:
Es lässt sich zwar eine Brücke zum Enneagramm erahnen, wenn Evagrius drei Leidenschaften "der sinnlich-materiellen Welt", drei der "»erregbaren Seele«" und drei "dem geistigen Bereich" zuordnet, doch wird hier womöglich eine kleine Schrift überbewertet, die bei dem für seine Acht-Laster-Lehre bekannten Evagrius vermutlich keine große Rolle gespielt hat. Zum anderen tritt die verquere Situation auf, dass weder bei dem Armenier Gurdjieff noch bei dem Bolivianer Oscar Ichazo ein Bezug auf Evagrius zu erkennen ist - und wenigstens bei Gurdjieff müssten wir deutliche Parallelen erkennen, wenn Evagrius doch in Armenien so bekannt ist. Andererseits spricht Gurdjieff im Beelzebub laut Moore in den Kapiteln 39 und 40 vom Enneagramm ohne das Wort zu verwenden. Wenn Evagrius Pontikus in Armenien so bekannt ist und deshalb davon auszugehen ist, dass Gurdjieff von ihm Kenntnis hatte, so stellt sich die Frage, warum wir bei Gurdjieff dazu nichts finden. Ich halte es für sehr gewagt, Gurdjieffs Drei-Gehirne-Theorie als Ableitung des Evagrius zu betrachten (Skizzenhaftes dazu unten im Kapitel "Neurowissenschaft und Enneagramm").

Kritik der zweiten Verbindung:
Es gibt keine Figur des Evagrius.
Evagrius redet zwar von vier geometrischen Figuren,
hat aber selbst keine gezeichnet !
Ebert zitiert aus einer Einleitung zu dem Büchlein 153 Kapitel über das Gebet, in der Evagrius die Zahl 153 den Lesern begründet:
"Ich habe diese Abhandlung über das Gebet in 153 Kapitel eingeteilt. Mit ihnen sende ich dir einen Leckerbissen des Evangeliums, damit du dich an einer symbolischen Zahl erfreuen kannst, die eine dreieckige und eine sechseckige Figur miteinander verbindet. Das Dreieck steht symbolisch für die Trinität, das Sechseck für die geordnete Erschaffung der Welt in sechs Tagen. Die Zahl 100 bezeichnet ein Quadrat, die Zahl 53 ein Dreieck und zugleich einen Kreis. Weshalb? Weil sie die Summe von 25 und 28 ist. 28 ist das Dreieck und 25 der Kreis, da 25 fünf mal fünf ist. So stellt diese Summe eine quadratische Figur da, da sie die vierfache Qualität der (sieben) Tugenden symbolisiert. Der Kreis drückt durch seine runde Form den Fluss der Zeit aus und ist zugleich ein angemessenes Symbol für die wahre Welterkenntnis. Im Fluss der Zeit folgt Woche auf Woche, Monat auf Monat, Jahr auf Jahr und Jahreszeit auf Jahreszeit, wie es die Bewegung von Sonne und Mond, Frühling und Sommer und so weiter zeigen. Das Dreieck, das in der Zahl 28 zum Ausdruck kommt, bezeichnet die Erkenntnis der Heiligen Trinität. Oder wir könnten die ganze Summe von 153 als ein Dreieck deuten, das die asketische Praxis, die Kontemplation der Natur und die Betrachtung des spirituellen Wissens von Gott bedeutet - oder Glaube, Hoffnung und Liebe, oder Gold, Silber und Edelsteine. So viel zu dieser Zahl ..." (Rohr/ Ebert [1989/ 1999]/ 2009: 28)

Mit dem Wissen, dass Evagrius ein Anhänger des Origines war, der wiederum "von pythagoreischem Denken beeinflusst war und sich für eine allegorische Bibelauslegung einsetzte (das heißt, man suchte zwischen den jedermann zugänglichen Zeilen der biblischen Texte nach einem geheimnisvollen symbolischen Sinn; dabei spielte die Zahlenspekulation eine wesentliche Rolle)" (ebd.: 24), bietet Ebert auf S. 29 seinen Lesern zeichnerische Interpretationen der Evagrius-Einleitung. Dabei setzt er folgende Voraussetzung: "Diese Interpretation des Evagrius ergibt nur Sinn, wenn man mit der pythagoräischen Zahlensymbolik vertraut ist. Pythagoras unterschied unter anderem Dreieckszahlen, Quadratzahlen, Sechseckzahlen und Kreiszahlen". (ebd.: 28) Die Erwähnung von Sechseckzahlen oder Kreiszahlen habe ich weder bei Burkert noch bei Zhmud gefunden (vgl. Burkert 1962: 405-413, hier insbesondere auf S. 408: "Aristoteles spricht von Dreiecks- und Quadratzahlen - die Erweiterung zu Polygonalzahlen ist nicht vor Philipp von Opus wahrscheinlich."; vgl. auch Zhmud 1997: 164-167, hier insbesondere auf S. 164: "Das zweite Bindeglied zwischen Geometrie und Arithmetik bildet die Theorie der figurierten Zahlen (Dreieckszahlen, Quadratzahlen, Rechteckzahlen, usw.). Obwohl diese Theorie nirgends direkt mit Pythagoras verknüpft wird, gibt es doch eine ganze Reihe von Argumenten, die auf ihn verweisen." Offen bleibt hier zwar, was sich bei Zhmud hinter dem "usw." verbirgt - ist das nur eine Floskel oder weist das auf andere Zahlen bei Pythagoras hin - was die Sechseckzahlen und Kreiszahlen möglich macht - oder weist es auf andere Zahlen bei den ihm folgenden Pythagoreern hin ? Mir scheinen Sechseck- und Kreiszahlen aufgrund des Hinweises von Burkert eher eine Erweiterung nachfolgender Generationen zu sein, wobei zu bedenken ist, dass die Kreiszahl ein gedanklich-theoretisches Konstrukt ist ["Eine Zahl, die Produkt einer Zahl ist, die sich beim Quadrieren an letzter Stelle wiederholt. Beispiele: 25 = 5 x 5; 36 = 6 x 6." {Rohr/ Ebert (1989/ 1999)/ 2009: 28}], während die figurierten Zahlen bei Pythagoras die Funktion einer anschaulich-praktischen geometrischen Arithmetik hatten, aus denen sich erst im Nachgang theoretische Überlegungen ableiten ließen. [siehe dazu auch die Aussagen zu den "»vollkommenen« Zahlen im Sinn Euklids" bei Burkert 1962: 408])
Zum anderen nennen Lendt/ Schwarzlmüller Gründe dafür, "dass Evagrius der Neun keine große Bedeutung zugemessen haben kann." (Lendt/ Schwarzlmüller 2004: 69; allerdings bezweifle ich, dass die von den Autoren als Argument verwendete Quersummenbildung von Pythagoras stammt - dies ist mir bei Burkert und Zhmud nicht begegnet)

Ebert selbst stellt fest: "Es gibt allerdings keinen Hinweis darauf, dass Evagrius selbst seine Leidenschaftslehre und das kosmische Symbol miteinander verquickt hätte. [...] Es wäre also abwegig zu behaupten, das Enneagramm, so wie wir es kennen, ginge als solches auf die Wüstenväter zurück." (Rohr/ Ebert [1989/ 1999]/ 2009: 30) Es ist zwar gut, dass Ebert mit dem Hinweis auf die Abwegigkeit analytische Strenge zeigt, doch fehlt diese Strenge im ersten Teil, weil für mich nicht erkennbar ist, dass Evagrius von einem "kosmischen Symbol" gesprochen hat, sondern lediglich das Wort "Welterkenntnis" verwendet hat und auf die Bewegung von Sonne und Mond hingewiesen hat. Es geht Evagrius um den "Fluss der Zeit" und "die Kontemplation der Natur" und nicht um kosmische Zusammenhänge. Hinzu kommt, dass die Acht-Laster-Lehre in Der Praktikos und Über die acht Gedanken (Über die acht Geister der Bosheit) eine wichtige Rolle spielt, aber nicht in den 153 Kapitel über das Gebet, so dass eine Verknüpfung von Symbol und Acht-Laster-Lehre konstruiert erscheint.

Hat sich Ebert eben noch mit analytischer Strenge in angemessener Bescheidenheit ausgedrückt, prescht er sofort wieder vor: "Richtig ist jedoch, dass sich die zwei wichtigsten Elemente moderner Enneagrammkunde (kosmisches Prozesssymbol, das - neben dem Quadrat - Dreieck, Kreis und Sechseck enthält, plus eine Charakterlehre, die auf den »Hauptleidenschaften« basiert und sie den drei Zentren Körper, Seele, Geist zuordnet) unmittelbar auf Evagrius, diesen großen frühchristlichen Welt- und Seelenkenner, zurückführen lassen." (ebd.: 30) Erstens kann ich - wie eben dargelegt - in dem Evagrius-Text nicht erkennen, dass er ein "kosmisches" Symbol beschreibt. Und zum zweiten ist Ebert widersprüchig, wenn er es einerseits als abwegig betrachtet, zu behaupten, das Enneagramm ginge auf die Wüstenväter zurück, wenn sich andererseits "die zwei wichtigsten Elemente moderner Enneagrammkunde ... unmittelbar auf Evagrius ... zurückführen lassen."

Mir scheint, Ebert macht hier erst einen höflichen Knicks vor der inzwischen von ihm rezipierten Dissertation von Bartels (2005: 70f, 92 Anm. 157, in der Anm. u. a.: "Auf die Evagrius-These braucht hier nicht im Einzelnen eingegangen werden. Dass nicht nur der Sünden- und Tugendkatalog, sondern auch die geometrische Enneagramm-Figur auf Evagrius zurückgehen soll, ist offensichtlich überzogen."), um danach seinem Herzenswunsch Ausdruck zu verleihen.

Ein Jahr bevor Ebert eine korrigierte und aktualisierte Jubiläumsausgabe seiner 1989 veröffentlichten Rohr-Übersetzung auf den Markt brachte, hatte er sich 2008 in seinem Buch Die Spiritualität des Enneagramms auf 60 Seiten in dem Kapitel "Die Leidenschaften und der Heilungsweg bei den Wüstenvätern" zu Evagrius und seiner Lehre geäußert. Darin weist Ebert zwar zu Beginn darauf hin, dass "Evagrius keine geschlossene Typologie wie Ichazo, sondern ein Prozessmodell [entwickelt], das die Heimkehr des gefallenen Menschen zu Gott in drei Phasen beschreibt, die bestimmten Lebensabschnitten zugeordnet sind und zu denen jeweils drei spezifische Leidenschaften gehören." (Ebert 2008: 230) Ebert zieht dann eine Parallele zu Ichazo bei der Zentrenzuordnung (Bauch, Herz, Kopf) und weist auf einen Unterschied in der Verteilung der Leidenschaften auf die Zentren hin. Soweit zu den Unterschieden. Die restlichen 57 Seiten versucht Ebert den Lesern die wertvolle Bedeutung des Evagrius zu erläutern und knüpft dabei an die unbekannte Schrift De vitiis quae opposita sunt virtutibus (Die Laster, die den Tugenden entgegenstehen) an.

Als offene Frage bleibt, warum Evagrius die kleine Schrift De vitiis quae opposita sunt virtutibus und mit ihr die Neunzahl nicht ins Zentrum seiner Lehre gestellt hat. Kalvesmaki nimmt an, dass sich in dem Wechsel von der Acht- zur Neunzahl eine Entwicklung im Denken des Evagrius zeigt und die Achtzahl nicht so dogmatisch aufgefasst werden sollte (Mitteilung per e-mail). Hier gibt es Klärungsbedarf.

Und letztlich bleibt eine Kritik, wenn wir auf den Ausgangspunkt von Eberts Argumentation schauen - die Einleitung zu den 153 Kapitel über das Gebet: "Unseres Wissens nach hat Evagrius allerdings keinen Symbolismus ausgearbeitet, sondern sich lediglich der Zahlenmystik bedient, um verschlüsselte Bibelstellen zu erläutern. Auch ist die beschriebene Stelle nicht direkt verknüpft mit der Achtlasterlehre oder gar mit einer Theorie von neun Lastern. Ebenso ist uns nichts über eine Typologie bekannt." (Lendt/Schwarzlmüller 2004: 73)

Der Schlusssatz ist versöhnlich: "Was hingegen in vielerlei Hinsicht dem Enneagramm von heute nahe kommt, sind die Beschreibungen der Laster selber und die »Anzeichen« für ihr Wirken im Menschen." (ebd.) Barbara Müller spricht im Zusammenhang mit dem "System der acht verderberischen Gedanken" bzw. der "in seinem schriftstellerischen Werk wiederholt dargestellte[n] Lehre der acht logismoi" von einer "in therapeutischer Perspektive formulierte[n] monastische[n] Lebenslehre" bzw. von "frühmonastischer Psychlogie" (Müller 2010: 16-28; Die sieben Todsünden: Von der frühmonastischen Psychologie zur hochmittelalterlichen Volkstheologie). Im Zusammenhang mit dem Sündenbegriff grenzt Müller ab: "Evagrios spricht in seinen Ausführungen zu den acht logismoi an keiner Stelle von Sünde. Die logismoi erfahren in seinem und dem frühmonastischen Denken insgesamt keine moralische Bewertung, sondern sie werden deskriptiv als Entwicklungsaufgaben auf dem Weg zur Gotteserkenntnis, die sich wesentlich als Selbsterkenntnis erweist, behandelt." (ebd.: 21)

Zu berücksichtigen ist schließlich, dass die Dreiteilung der Seele seit Platon Allgemeingut ist und die Erkenntis der Lasterhaftigkeit des Menschen mindestens ebenso alt ist. Da in der Zeit nach Platon die drei Seelenteile in die Trinität Körper-Geist-Seele umgewandelt wurden, liegt die Verteilung von Lastern und Tugenden auf diese drei Teile sozusagen in der Luft (vgl. ebd.: 22). Trotzdem ist anzuerkennen, dass Evagrius wohl der Erste war, der diese Zuordnung vorgenommen hat und er insbesondere mit der Koppelung von Lastern/Tugenden im Sinne von Entwicklungsaufgaben einen grundlegenden Gedanken entwickelte, der uns Jahrhunderte später - ohne Rückgriff auf ihn - in dem seit Ichazo entwickelten Persönlichkeits-Enneagramm wieder begegnet. Eine interessante Parallele, die keine entwicklungsgeschichtliche Ableitung darstellt.



Astrologie und Enneagramm


Ouspensky berichtet aus der Zeit vom November 1914 bis November 1916 von den Begegnungen mit Gurdjieff und von dessen Vorlesungen. Darin nennt Gurdjieff den Krieg als ein "Ergebnis planetarischer Einflüsse" (O2b: 32) und dass der Mensch den Krieg allein dadurch verhindern könnte, indem er sich einen anderen Einfluss auswählt [Gurdjieff verrät nicht wie das geht] (O2b: 34). Sonne, Mond und Erde spricht Gurdjieff eine Intelligenz zu (O2b: 34f).
Im Zusammenhang mit der Evolution sagte Gurdjieff: "Zum Beispiel würde die Entwicklung der Menschheit über einen gewissen Punkt hinaus, oder, um es geanuer zu sagen, über einen gewissen Prozentsatz hinaus, tödlich für den Mond sein. Der Mond nährt sich vom organischen Leben, von der Menschheit. Die Menschheit ist ein Teil des organischen Lebens, das heißt, daß die Menschheit die Nahrung für den Mond darstellt. Wenn alle Menschen zu intelligent würden, dann würden sie nicht mehr vom Mond gefressen werden wollen." (O2b: 82)

Ouspensky berichtet von einem Spaziergang mit der Frage, ob es etwas Wertvolles in den Theorien der Astrologie gäbe. "»Ja«, sagte G., »es kommt darauf an, wie man sie versteht. Sie können einen Wert haben und auch wertlos sein. Die Astrologie handelt nur von einem Teil des Menschen, seinem Typ, seinem Kern - sie handelt nicht von der Persönlichkeit, von erworbenen Eigenschaften. Wenn Ihnen dies klar ist, werden Sie verstehen, was der Wert der Astrologie ist.«
In unserer Gruppe hatten wir schon früher Gespräche über Typen geführt, und es schien uns, daß die Wissenschaft der Typen im Studium des Menschen das Schwierigste sei, denn G. gab uns nur sehr wenig Material und verlangte von uns die eigenen Beobachtungen unserer selbst und anderer.
Wir setzten den Spaziergang fort, und G. versuchte zu erklären, was im Menschen von planetarischen Einflüssen abhängen kann und was nicht." (O2b: 538f) Gurdjieff ließ seinen Spazierstock fallen und beobachtete, was geschah. Anschließend fragte er seine vier Begleiter, warum nur einer von ihnen den Spazierstock aufgehoben habe. Alle vier gaben unterschiedliche Antworten. Gurdjieff schloss: "»Das ist Astrologie«, sagte er. »In der gleichen Lage tut und sieht der eine Mensch eine Sache, der andere eine andere Sache, der dritte eine dritte und so fort. Und jeder handelt seinem Typ gemäß. Beobachten Sie die Leute und sich selbst auf diese Weise, und dann werden wir vielleicht später von einer anderen Astrologie reden.«" (O2b: 539, eigene Hervorhebung)

"»Später werden Sie sehen, daß jedem Menschen bei der Arbeit seine besonderen Aufgaben gestellt werden, die seinem Typus, seinem Hauptzug oder seinem Hauptfehler entsprechen, das heißt etwas, das ihm eine Gelegenheit gibt, intensiver gegen seinen Hauptfehler anzukämpfen. [...]«" (O2b: 352, eigene Hervorhebung)

"Einmal hatten wir ein sehr langes und interessantes Gespräch über »Typen«. G. wiederholte alles, was er schon früher über dieses Thema gesagt hatte, mit vielen Zusätzen und Hinweisen für die persönliche Arbeit.
»Jeder von Ihnen«, sagte er, »hat wahrscheinlich in seinem Leben Menschen ein und desselben Typus getroffen. Solche Menschen sehen oft einer wie der andere aus, und ihre inneren Reaktionen auf die Dinge sind genau die gleichen. Was einer gern hat, hat auch der andere gern. Was einer verabscheut, verabscheut auch der andere. Solche Gelegenheiten müssen Sie im Gedächtnis behalten, weil Sie die Wissenschaft von Typen nur dadurch lernen können, daß Sie Typen treffen. Es gibt keine andere Methode. Alles andere ist Einbildung. Sie müssen verstehen, daß Sie in den Bindungen, in denen Sie leben, nicht mehr als sechs oder sieben Typen treffen können, trotzdem es im Leben eine viel größere Anzahl von Grundtypen gibt. Alle übrigen sind Zusammensetzungen aus diesen Grundtypen.«
»Wie viele Grundtypen gibt es alles in allem ?« fragte jemand. »Einige Menschen sagen zwölf«, sagte G., »Der Überlieferung nach stellen die zwölf Apostel die zwölf Typen dar. Andere sagen mehr.«
Er hielt inne.
»Dürfen wir diese zwölf Typen kennenlernen, das heißt ihre charakteristischen Züge und Kennzeichen ?« fragte einer der Anwesenden.
»Ich habe diese Frage erwartet«, sagte G. »Jedesmal, wenn ich von den Typen sprach, hat irgendein kluger Mensch diese Frage gestellt. Wie kommt es, daß Sie nicht verstehen, daß dies, wenn es erklärt werden könnte, schon lange erklärt worden wäre ? Aber es ist eine Tatsache, daß die Typen und ihre Verschiedenheiten nicht in der gewöhnlichen Sprache definiert werden können, und die Sprache, in der sie definiert werden könnten, kennen Sie jetzt noch nicht und können Sie auch für lange Zeit noch nicht kennen.
[...]
Einige von Ihnen glauben, daß Sie Typen erkennen können, aber das, was Sie sehen, sind überhaupt keine Typen. Um Typen zu sehen, muß man seinen eigenen Typus kennen und fähig sein, sich von ihm zu 'trennen'. Um seinen eigenen Typus zu kennen, muß man das eigene Leben gut studieren, das ganze eigene Leben vom allerersten Anfang an; man muß wissen, warum und wie die Dinge geschehen sind. Ich möchte Ihnen allen eine Aufgabe stellen, es wird gleichzeitig eine allgemeine und persönliche Aufgabe sein. Lassen Sie jeden in der Gruppe von seinem Leben erzählen. Alles muß bis in die letzten Einzelheiten ohne Verschönerung und ohne Auslassung erzählt werden. Betonen Sie die hauptsächlichen und wesentlichen Dinge, ohne bei Kleinigkeiten und Besonderheiten zu verweilen. Sie müssen dabei aufrichtig sein und keine Angst haben, daß andere es in einer falschen Weise aufnehmen werden, denn ein jeder befindet sich in der gleichen Lage; jeder muß sich enthüllen, jeder muß sich so zeigen, wie er ist. [...]«" (O2b: 360ff, eigene Hervorhebung; weiteres zu Typen siehe 372f, 392, 531, zur Trennung von Person und Wesenskern 369ff)

"»Der Kampf gegen das 'falsche Ich', gegen den eigenen Hauptzug oder Hauptfehler ist der wichtigste Teil der Arbeit und muß in Taten, nicht in Worten vor sich gehen. Zu diesem Zweck gibt der Lehrer jedem Schüler bestimmte Aufgaben, deren Ausführung die Überwindung seines Hauptzuges erfordert. Wenn ein Mensch diese Aufgaben ausführt, kämpft er mit sich selbst, arbeitet er an sich. [...]«" (O2b: 334)

"»Der erste Grund der inneren Sklaverei des Menschen ist seine Unwissenheit und vor allem seine Unwissenheit über sich selbst. Ohne Selbsterkenntnis, ohne Verständnis der Arbeit und der Funktionen seiner Maschine kann ein Mensch nicht frei sein, kann er sich slbst nicht lenken und wird immer ein Sklave bleiben und der Spielball der Kräfte, die auf ihn wirken. Das ist der Grund, warum in allen alten Lehren die erste Forderung am Beginn des Weges zur Befreiung war: Erkenne dich selbst.«" (O2b: 150)

Ein anderer Grund für die Wichtigkeit der Selbsterkenntnis wird von Ouspensky rund vierzig Seiten zuvor genannt - er zitiert Gurdjieff mit den Worten: "Es ist unmöglich, ein System des Weltalls zu studieren, ohne dabei den Menschen zu studieren. Gleichzeitig ist es unmöglich, den Menschen zu studieren, ohne das Universum zu studieren. Der Mensch ist ein Abbild der Welt. Er wurde nach denselben Gesetzen erschaffen wie das Weltall. Wenn er sich selber kennt und versteht, wird er das Weltall erkennen und verstehen, alle Gesetze, die es erschaffen haben und lenken. Und gleichzeitig wird er durch das Studium der Welt und der sie lenkenden Gesetze die Gesetze studieren und verstehen, die ihn regieren." (O2b: 109) Mit diesem Zitat offenbart sich die kosmologische Tradition in Gurdjieffs Denken. Berechtigter Weise wird der Ouspensky-Schüler Rodney Collin in den 1950ern eine Verbindung zu Robert Fludd herstellen (vgl. auch den Artikel Weltordnungen und Körperwelten. Das Tableau des Gewussten und seine Repräsentation bei Robert Fludd von Breidbach 2006: 41-65).

Gurdjieff teilte den Menschen in sieben verschiedene Gruppen ("Mensch Nummer eins, Mensch Nummer zwei, ...", O2b: 102-107, 204-207), wobei wir von Geburt an entweder Mensch eins, zwei oder drei sind. Mensch vier bis sieben stellen Entwicklungsstufen dar. Zusätzlich behauptete Gurdjieff: "In Übereinstimmung hiermit werden alle inneren und äußeren Vorgänge im Menschen, alles was ihm zukommt und alles was durch ihn geschaffen wird, ebenfalls in sieben Kategorien gegliedert. [...] Die gleiche Einteilung in sieben Kategorien muß auf alles angewandt werden, was sich auf den Menschen bezieht." (O2b: 104, eigene Hervorhebung) Das bezieht Gurdjieff auf unser Wissen, das Sein, die Kunst, die Religion (vgl. O2b: 105ff) und unsere Bewusstseinszustände (vgl. O2b: 204-207).

In seiner ersten Schrift The Herald of Coming Good (1933) schrieb Gurdjieff:
"I had elucidated and established the fact that in such societies foregather generally people of three or four definite »types«, whereas it was necessary for me - in order to observe the manifestations of man's psyche in his waking state - to have at my disposal representatives of all the 28 »categories-of-types« existing on Earth, as they were established in ancient times." (G0: 19 [pdf], eigene Hervorhebung)

Im Beelzebub (1950) finden wir dann Hinweise auf "this first and perhaps last great terrestrial learned society were then divided into seven independent groups" und auf "four kinds of independent Hasnamuss-individuals." (G1: 299, 406, eigene Hervorhebung) Wenn also in jeder der sieben Gruppen vier verschiedene Hasnamuss-Personen vorhanden sind, so haben wir 7x 4 = 28 verschiedene Stilformen von Personen. Es bleibt die Frage, ob das auch schon "were established in ancient times" ?
Auch Bennett weist im Kapitel "Der Mensch" auf "die Anschauung der Gurdjieffschen Einteilung der menschlichen Natur in sieben Kategorien" hin, doch würden die meisten Menschen den ersten drei Kategorien angehören. (vgl. Bennett [1973]/ 1976: 257, 258, eigene Hervorhebung; siehe dazu auch G3: 118-121)

Wie passt dazu, dass Gurdjieff im Beelzebub gleichzeitig schreibt "the learned beings of the planet Earth of that time were very well aware of what is called the 'law-of-typicality,' and that the three-brained beings of their planet are ultimately formed into twenty-seven different definite types, ..." ? (G1: 485, eigene Hervorhebung; die "typicality" erwähnt Gurdjieff auch auf der Seite 236 und das "law of typicality" ein zweites Mal auf Seite 560)

Desweiteren taucht eine Verbindung der Zahlen 7 und 9 auf:
"... they then called that branch of genuine knowledge, similar to that which on the continent of Atlantis was called the 'seven-aspectness-of-every-whole-phenomenon,' the law of 'ninefoldness' and they called it thus because they added to the seven obvious 'different-manifestations,' called by them 'Dooczako,' of this great law, these two particularities first constated by them and named by them 'Sooanso-Toorabizo,' which name meant 'obligatory-gap-aspects-of-the-unbroken-flowing-of-the-whole.' " (G1: 831) und:
"... in the given case concerning the fundamental cosmic law of the sacred Heptaparaparshinokh then called the law of 'ninefoldness,' ..." (G1: 841) Das heilige Heptaparaparshinokh ist für Gurdjieff das Gesetz der Sieben bzw. "fundamental cosmic law of »sevenfoldness«". (G3: 45 [pdf]; vgl. G1: 492, 517, siehe auch das gesamte Kapitel "Art" (Kapitel 30) und das Kapitel "The Law of Heptaparaparshinokh" (Kapitel 40) in G1)

Die durch die genannten Zitate entstandene Unklarheit aufzulösen, ist nicht meine Sache - das mögen ausgewiesene Gurdjieff-Expert(inn)en tun. Einen Hinweis liefern vielleicht die Ausführungen zur Oktave bei Ouspensky (vgl. O2a: 289), wo die Zahlen 1 bis 6 jeweils durch 7 geteilt werden und jeweils die selben Ziffern (142857) in unterschiedlicher Reihenfolge als Ergebnis haben und die in der Quersumme ("theosophical addition", O2a: 283, 289) immer 9 ergeben.

Mit diesem Kapitel sei darauf hingewiesen, dass es einen Anknüpfungspunkt für eine Typologie bei Gurdjieff gibt und dass die Verwirrung mit den Zahlen 27 und 7x4=28 aus der hinduistischen Nakshatra-Mythologie/Astrologie (Link 2) und der Umbildung durch arabische Astronomen/Astrologen zum Manazil al-Qamar herrühren kann. Zu klären wäre, ob die 28 eher eine zufällige Parallele zum Manazil al-Qamar darstellt, weil sie sich bei Gurdjieff aus der Rechnung 7x4 ergibt, was beim Manazil al-Qamar möglicherweise keine Rolle spielt. Möglicherweise ergibt sich die 27 aus einem 3x9, was ich nicht recherchiert habe, und stellt eventuell auch nur eine zufällige Zahlenparallele zur hinduistischen Nakshatra-Mythologie/Astrologie dar. Jedenfalls diskutierte der deutsche Sprachforscher und Religionswissenschaftler Friedrich Max Müller (1823-1900) bereits 1862 die Frage ob 27er- oder besser 28er-System in dem Buch On ancient Hindu astronomy and chronology. Da dies bereits vor Gurdjieffs Geburt diskutiert wurde, hätte es sein können, dass Gurdjieff durch sein Literaturstudium oder durch Personen in seinem Freundeskreis davon Kenntnis bekam. Bei seinen Reisen in den Osten wird er vermutlich auch Gelegenheit zur Kenntnisnahme bekommen haben. Allerdings hätte er dann in seinen Vorlesungen, von denen Ouspensky berichtet, bereits die Zahlen 27 und 28 verwendet. Insofern ist es wahrscheinlich, dass er erst später diese Gedanken entwickelte.

Außer den genannten Textpassagen habe ich in Gurdjieffs Werken nur wenig zur Astrologie finden können. Ich kann also lediglich feststellen, dass Gurdjieff um das Thema Astrologie wusste und dafür eine gewisse Wertschätzung hatte. So bezeichnete er an einer Stelle der Meetings die sich u. a. mit Astrologie beschäftigenden Imastun als 'weise Männer' im antiken Armenien (vgl. G2: 54).
Im Beelzebub finden sich u. a. folgende Textstellen:

"... – as a certain occultist well known in Europe explained to me after a very minute what is called "psycho-physico-astrological" investigation – ..." (G1: 8)

"Those beings who were occupied with such observations and studies were called, at that period on the Earth, 'Astrologers.' But when afterwards that psychic disease of theirs called wiseacring became finally fixed there, owing to which these specialists of theirs also 'shrivelled and shrank' and became specialists only in giving names to remote cosmic concentrations, they came to be called 'Astronomers.' " (G1: 286)

"These ancient terrestrial Astrologers made these matches successfully because even if they were very far from the knowledge of many cosmic Trogoautoegocratic truths, yet they at least already very well knew the laws of the influence of different planets of their solar system on the beings breeding on their own planet, namely, the influence of these planets on a being at the moment of his conception, for further formation, as well as for his complete acquisition of the Being of a responsible being." (G1: 288)

Angesichts der oben gezeigten Kunstwörter und Gurdjieffs Rätselsprache sei auf eine Eigenart Gurdjieffs verwiesen: "... Gurdjieff unvollständige Ideen zu nehmen pflegte, sie vorführte und sie dann veränderte, bis seine Schüler nach und nach fähig waren, eine kompliziertere Idee festzuhalten, die sie verwirrt hätte, wenn sie in unausgeschmückter Form dargeboten worden wäre." (Bennett [1973]/ 1976: 263)

Insgesamt lässt sich feststellen, dass bei Gurdjieff ein unklares bzw. nicht ausgearbeitetes Typologieverständnis erkennbar wird. Aufgrund der genannten Zahlen (7, 9, 12, 27, 28) dürfen wir vermuten, dass Gurdjieff selbst noch am Suchen war, wie der Mensch in Typen einzuteilen ist.

Eine Verbindung von Typen, Astrologie und Enneagramm-Symbol findet sich erst später bei dem Ouspensky-Schüler Rodney Collin in den 1950ern. Bei Collin wiederum findet sich in dem Werk The Theory of Celestial Influence eine Verbindung zu Robert Fludd.
Hier die astrologische Abhandlung De Astrologia von Fludd in französisch. Und hier ein Beitrag, der sich zur Astrologie bei Gurdjieff äußert, in The astrology book: the encyclopedia of heavenly influences.

Auch beim Begründer der psychologischen Richtung des Enneagramms, Oscar Ichazo, findet sich eine Verbindung zur Astrologie: "As indicated above, man is seen to be made up of Ego and Essence. While he is born in the essential state, the development of the ego seems to be a necessity for the enrichment and maturation of the essence. Only when the individual has undergone the difficulties of living in ego can he return to the essential state and have the necessary skills and knowledge to function as an enlightened adult. Perhaps that is why the foundations of the ego are determined by the astrological signs at birth which give rise to deviations in the mentations in each individual. The system of mentations helps one to think with the whole body, not just the mind. The body is divided into twelve parts; each part has its own function in thought.
[...]
The Arica system also teaches about »ego deviations« and how they are related to the mentations and to one's astrological rising sign as determined by birth time and place. Astrologers have very simple tables for determining rising signs. If one knows one's rising sign, he can then determine how his mentations are deviated and how he makes certain mistakes by confusing certain ideas with other ideas or certain kinds of happenings with other kinds of happenings.
[...]
The deviated mentations indicate that a person is confusing the deviated mentation with the true mentation.
[...]
One word of warning: This is necessarily a simplified explanation of mentations. Very often there will be portions of two deviated mentations corresponding to the true mentation. [...] This is due to the width of the astrological houses in relation to the assigend width of the mentations. Only one who has had much experience can interpret correctly the »deviations« from an astrological chart.
Also, the present incarnation for the individual is determined by his past karma, so that his ego fixation is to some extent determined in that he has these parents and is brought up in these circumstances in this particular culture. However, he has the freedom to overcome his deviations and his fixation. When he has returned to essence, he will still have his own personality because his past is the enrichment and education of his essence." (Lilly/ Hart [1975]/ 1977: 342ff, eigene Hervorhebungen)

Eine Verknüpfung eigener Art finden wir bei Arnold Keyserling (1922-2005). Er ist Sohn des Philosophen Hermann Graf Keyserling (1880-1946), welcher 1920 eine "Schule der Weisheit" gegründet hatte. Dort verkehrte u. a. auch Carl Gustav Jung. Mit dem Namen "Schule des Rades" existiert heute eine eigene Webseite zu den Lehren von Arnold und Wilhelmine Keyserling. Dort ist folgendes Symbol zu finden:

 



(Quelle)


Ich gehe nicht weiter darauf ein, sondern verweise auf Artikel der Keyserling-Webseite: Link 1, 2, 3, 4, 5.


Stand dieses Kapitels ist 2011-10-16.