Adam Smith (1723 - 1790)

Adam Smith ist das Urgestein eines Irrglaubens. Gerne wird er im Sinne eines "Schon der alte Adam Smith hat gesagt, ..." benutzt - und dann wird auf das Selbstinteresse von Metzger, Brauer, Bäcker und die vielbeschworene "unsichtbare Hand" verwiesen. Diese "unsichtbare Hand" ist in seinem Werk in der Tat annähernd unsichtbar, denn sie taucht in seinem ökonomischen Hauptwerk nur an einer Stelle und in seinem Gesamtwerk lediglich an drei Stellen auf. Es ist eine Fehldeutung, wenn Ökonomen uns weismachen wollen, Adam Smith ging es darum, uns die Kräfte der 'unsichtbaren Hand des Marktes' unterbreiten zu wollen. Wäre die unsichtbare Hand zentraler Bestandteil seiner Lehre, hätte er in seinem rund 800 Seiten umfassenden ökonomischen Hauptwerk (dt. Ausgabe, Recktenwald 102003) sicher noch einiges mehr dazu gesagt. Es bedarf einer genauen Lesart der jeweiligen Textstellen und der Bedeutung im Gesamtwerk Adam Smiths - darum bemühten sich bereits verschiedene Autoren und relativ aktuell im Jahr 2009 der emeritierte Professor Gavin Kennedy und der lehrende Professor Daniel B. Klein (Artikel Kennedy: , Reaktion Klein: , Erwiderung und Zusammenfassung wieder Kennedy: ). Ebenfalls 2009 wurde erstmals elektronisch eine 1955 von Alec Lawrence Macfie (1898-1980) gehaltene Vorlesung über die schottische Tradition des ökonomischen Denkens veröffentlicht ().

Beziehen wir für eine Einschätzung der Smithschen Lehre sein moralphilosophisch-psychologisches Hauptwerk Theory of moral sentiments (Theorie der moralischen Gefühle) von 1759 und die darin bedeutende Rolle des "impartial spectator" (unparteiischer Beobachter) und der "sympathy" (Mitgefühl) mit ein, müssen wir allein aufgrund der Häufigkeit der Erwähnungen zu dem Schluss kommen, dass der "impartial spectator" für Smith eine viel größere Bedeutung hatte als die nahezu unsichtbare "unsichtbare Hand".

Die deutschen Philosophen haben es verschlafen, zu Ehren des 250. Jahrestages der Theory, Veranstaltungen zu organisieren. Stattdessen veranstaltete ein konservativer deutscher Think Tank in den Berliner Räumen der Commerzbank eine Konferenz. Eine interessante Veranstaltung, die allerdings klar im Zeichen des Bemühens stand, Moral/ Ethik und Marktgesellschaft in der Form zusammen zu bringen, dass das Spannungsfeld zwischen Smiths moralphilosophischem und ökonomischem Hauptwerk mit einer einfachen Behauptung aufgelöst wird "Der Begriff des Eigeninteresses ist in Smiths Konzept der Sympathie enthalten." Einzig in dem Beitrag von Fonna Forman-Barzilai klingt Smiths kritisches Verhältnis gegenüber Kaufleuten/ Fabrikanten/ Unternehmern an. Dem Smithschen Anliegen entsprechen sicher die Sätze "Märkte an sich sind der Moral gegenüber indifferent. Innerhalb eines Gerechtigkeit fördernden, institutionellen Rahmens vermögen sie jedoch das Beste hervorzubringen."

Die spannende Frage ist und bleibt, wer wie den institutionellen Rahmen bestimmt. In Deutschland und woanders sind es vor allem Lobby-Organisationen, die massiven Einfluss auf Gesetzgebung und Institutionen nehmen. Von Großunternehmen und ihren Lobby-Organisationen entsandte Vertreter sitzen zum Teil in den Ministerien, um direkt an Gesetzesvorlagen mitzuarbeiten. Genau hier tritt die Smithsche Kritik in Kraft, die verschwiegen wird. Das wesentliche Anliegen der Veranstaltung war die ethische "Legitimation der Marktgesellschaft", weil diese aufgrund der Vorkommnisse der letzten Jahrzehnte und insbesondere wegen der Finanzkrise für viele Menschen nicht (mehr) vorhanden ist.

Adam Smith wäre angeekelt angesichts der in Europa vorherrschenden Politik, die sich zum Anhängsel mächtiger Konzerne macht und Steuerbetrug sogar noch fördert.





Völlig losgelöst vom Streit um eine richtige Smith-Deutung ist die Frage, ob Adam Smith heute überhaupt noch eine Legitimationsgrundlage sein kann. Smith schrieb seine Gedanken im 18. Jhd. auf und sie beschäftigten sich mit den damaligen Gegebenheiten. Wie kann er da legitimieren, was wir heute tun ?

Die entscheidenden Fragen sind also, welche Smithschen Gedanken heute noch Gültigkeit beanspruchen können und was Adam Smith heute sagen/ empfehlen würde. Darüber kann man sich tagelang den Mund fusselig reden, ohne zu einem sicheren Ergebnis zu kommen. Smith wäre aber sicherlich erbost darüber, wenn er den Einfluss von Großunternehmen und ihren Lobbyisten auf politische Gesetzgebung und andere politische Entscheidungsprozesse erkennen würde, wie sich aus folgenden Äußerungen entnehmen lässt:

"Geschäftsleute des gleichen Gewerbes kommen selten, selbst zu Festen und zur Zerstreuung, zusammen, ohne daß das Gespräch in einer Verschwörung gegen die Öffentlichkeit endet oder irgendein Plan ausgeheckt wird, wie man die Preise erhöhen kann. Solche Zusammenkünfte kann man aber unmöglich durch irgendein Gesetz unterbinden, das durchführbar oder mit Freiheit und Gerechtigkeit vereinbar wäre, doch sollte das Gesetz keinerlei Anlaß geben, solche Versammlungen zu erleichtern, und, noch weniger, sie notwendig zu machen." (112)

"Das Interesse der Kaufleute aller Branchen in Handel und Gewerbe weicht aber in mancher Hinsicht stets vom öffentlichen ab, gelegentlich steht es ihm auch entgegen. ... Jedem Vorschlag zu einem neuen Gesetz oder einer neuen Regelung über den Handel, der von ihnen kommt, sollte man immer mit großer Vorsicht begegnen. Man sollte ihn auch niemals übernehmen, ohne ihn vorher gründlich und sorgfältig, ja sogar misstrauisch und argwöhnisch geprüft zu haben, denn er stammt von einer Gruppe von Menschen, deren Interesse niemals dem öffentlichen Wohl genau entspricht, und die in der Regel viel mehr daran interessiert sind, die Allgemeinheit zu täuschen, ja, sogar zu mißbrauchen." (213)

"Der unberechenbare Ehrgeiz von Königen und Ministern im Laufe unseres und des vergangenen Jahrhunderts ist für den Frieden in Europa nicht so verhängnisvoll gewesen wie die unverschämte Eifersucht von Kaufleuten und Unternehmern. Gewalttätigkeit und Ungerechtigkeit der Mächtigen der Menschheit sind zwar ein altes Übel, gegen das, so fürchte ich, die Natur menschlichen Verhaltens und Tuns kaum ein Mittel finden kann, doch könnten bloße Habgier und Monopolgeist der Kaufleute und Unternehmer, die weder Potentaten der Menschheit sind, noch eigentlich sein sollten, wenn auch wohl nicht ausgerottet, so doch vermutlich leicht daran gehindert werden, den Frieden und die Gelassenheit anderer Menschen, außer der eigenen, zu stören." (407)

"Eine Gesellschaft von Kaufleuten ist aber offensichtlich unfähig, sich selbst als Landesherr zu begreifen, selbst dann nicht, wenn sie dessen Aufgabe wahrnehmen. Sie betrachten nach wie vor den Handel oder den Einkauf von Waren, die sie wieder verkaufen, als ihre entscheidende Funktion, und in seltsamer Verkennung der Tatsachen sehen sie in der Aufgabe des Souveräns bloß ein Anhängsel zu den Pflichten des Kaufmanns, etwas, was diesen untergeordnet werden sollte." (538)

"Aber ich wage zu behaupten, daß die grausamsten unserer Steuergesetze noch milde und menschlich im Vergleich zu einzelnen Gesetzen sind, die unsere Kaufleute und Fabrikanten durch lautes Klagen bei der Legislative durchgesetzt haben, um die eigenen unsinnigen und ausbeuterischen Monopole zu stützen. Wie von den Gesetzen Drakons, so mag man auch von ihnen sagen, sie seien alle mit Blut geschrieben." (546f)

Quelle: SMITH, Adam ([1776/ 51789] // 1974/1978/102003): Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen [Übersetzung: Horst Claus Recktenwald nach der vollständigen Ausgabe der 5. Auflage (letzter Hand), London 1789], München: Beck/dtv





Adam Smith wäre heute ein Freund der Kleinst- und Kleinunternehmer sowie der mittelgroßen Familien-Unternehmen, aber ein scharfer Kritiker der Großunternehmen, des Einflusses ihrer Lobby-Organisationen, der transnationalen Konzerne und Banken. Adam Smith war ein politischer Ökonom und nicht ein ökonomischer Politologe.